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Turquerie, Turkomanie, "alla turca" - Die Türkenmoden Europas
Den Auftakt offizieller kultureller Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und Europa bestimmte Sultan Mehmet II., der Eroberer (1451-1481): 1479 nämlich, im gleichen Jahr als eine der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Venedig endeten, ersuchte der Bezwinger Konstantinopels die Seerepublik um Entsendung eines fähigen Porträtisten. Auf keinen Geringeren als Gentile Bellini fiel die Wahl, der schon bald nach Konstantinopel aufbrach und dem weltoffenen Herrscher ein Jahr lang diente.

Ausprägungen der Türkenmode
Dieser kulturelle Auftakt mit einem Porträtisten ist bezeichnend für die späteren Türkenmoden, die im Gegenzuge im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts Furore machten. Zu einem wahren Moderenner nämlich wurden Porträts von Europäern im türkischen Kleid. Hoffähig wurden diese Bildnisse durch die Marquise de Pompadour, die sich in den 1750ern gleich in drei Gemälden für ihr Schlafzimmer als Sultanin porträtieren ließ. Mehrere Porträts in Kleidern "à la turque“ existieren auch von Lady Montagu, der Gattin des englischen Gesandten in Konstantinopel. Selbst Kaiserin Maria Theresia ließ sich in den Jahren zwischen 1743-45 in Wien im türkischen Gewand malen.

Illustrierte Reisebeschreibungen von Kaufleuten und Diplomaten, kostbare Handelswaren wie Gewürze, Seidenstoffe und Tulpen und Bildquellen von Künstlern hatten bereits seit dem 15. Jahrhundert die Gemüter der Europäer beschäftigt. Nach dem Sieg über das Osmanische Reich 1683 vertieften sich die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen. Die Bewunderung, die man von nun an den Osmanen entgegenbrachte, galt vor allem den kostbaren und mit größter Vollendung gefertigten Erzeugnissen des Kunsthandwerks, die in Gestalt von Waffen, Alltagsgegenständen und Schmuck noch während der kriegerischen Auseinandersetzungen für die sogenannten "Türckischen Cammern“ in reger Sammeltätigkeit zusammengetragen worden waren. Die aufkommende Türkenmode begnügte sich nicht allein mit dem Sammeln von "Orientalica“, sondern bemühte sich um deren wirkungsvolle Präsentation. Dem Türkenmotiv konnte man in mannigfaltigen Ausformulierungen begegnen: Wachsfiguren wurden in orientalische Gewänder gekleidet, höfische Turniere und Umzüge nahmen bereits seit den 1540er Jahren türkische Motive auf, bei der Produktion europäischer Waffen erlebten orientalisierende Motive im späten 16. Jahrhundert eine große Blüte und Architekten rezipierten bei der Gestaltung von Fassaden und der Innenausstattung die osmanische Baukunst oder schufen „Türckische Palais“. Türkische Motive wurden dabei gelegentlich unbekümmert mit solchen aus anderen fernen Ländern vermischt. Bis nach Venedig, von wo aus Bellini einst nach Konstantinopel aufgebrochen war, reichte die künstlerische Formensprache der Osmanen - seit dem 14. Jahrhundert entwickelte sich hier eine eigene Seidenindustrie, die orientalische Stoffe nachahmte. Große Mode waren im Italien des 16. Jahrhunderts außerdem mit Arabesken geschmückte Bucheinbände von türkischen oder einheimischen Künstlern. Aber auch in der Literatur wurden die Osmanen rezipiert. So erschienen die "Lettres persanes“ von Montesquieu 1721 und 1742 der Roman "Mahomet“ von Voltaire.

Einen Höhepunkt erlebte die Turquerie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In Paris, Wien und Berlin trafen osmanische Gesandtschaften ein, deren prachtvolle Empfänge die Vorstellung eines märchenhaften und reichen Orients unterstützte. Eine herausragende Stellung hatte bei der Rezeption des Orients Frankreich, wo im 17. Jahrhundert Stoffe "de façon orientale“ von Türken hergestellt wurden. Große türkische Gesandtschaften waren auch hier – 1715 und 1721 in Paris und 1742 in Versailles zu Gast. Der eigentliche Anlass für die Beliebtheit der Portraits "à la turque" war der türkische Gesandte Said Pascha, der sich von dem Gesellschaftsmaler Jacques André Joseph Aved (1702-1766) malen ließ. Aved wurde fortan von hochgestellten Persönlichkeiten, Diplomaten und Reisenden zum begehrten Maler für Porträts im türkischen Gewand auserkoren. Doch nicht nur in Frankreich, in ganz Europa stoßen wir auf solcherlei Bildnisse. Bedeutenden Anteil daran hatte der Maler Jean-Etienne Liotard (1702-1789), der als reisender Maler in ganz Europa mit Porträtaufträgen, darunter auch mit zahlreichen für türkische Kostüme, geradezu überhäuft wurde und bald als "le peintre turc“ in die Geschichte einging. Liotard hielt sich selbst einige Jahre in Konstantinopel auf, wo er vor allem Aufträge von den dort lebenden Engländern erhielt. Von ihm, der sich nach seiner Rückkehr nach Europa selbst türkisch kleidete, stammt auch das "Bildnis der Mary Countess of Coventry in türkischem Gewand“.

"Türkenverehrung"
Doch auch einen ganz anderen Grund als die Türkenbegeisterung hatte die orientalische Formensprache in Europa in früheren Jahrhunderten. Seit dem Waffenstillstand von 1547 musste der kaiserliche Hof in Wien im Rahmen der sogenannten "Türkenverehrung“ jährliche Tributleistungen an die Hohe Pforte in Konstantinopel leisten. Finanzielle Leistungen in beträchtlichen Höhen aber auch Gold- und Silberarbeiten, kostbare Textilien und seltene Rohstoffe sollten vom Reichtum und der Kunstfertigkeit westlicher Länder künden. Mechanische Räderuhren und Automaten mit ihren komplizierten Mechanismen und ihrer vollendeten Kunstfertigkeit boten sich zu diesem Zwecke hervorragend an. Bevorzugte Motive waren Tiere, aber auch christliche Themen zu religiösen Erbauung. Da diese Motive wohl kaum das Interesse der Hohen Pforte geweckt haben mochte, wurden eigens für die obligatorischen Lieferungen an den Sultan und dessen Würdenträger besonders in Augsburg und Nürnberg zahlreiche Uhren und Automatenwerke mit Türkenfiguren gefertigt. Die das Leben imitierenden Funktionen der mechanischen Uhren - Augenrollen und Kopfnicken, Beinbewegungen und Heben des Streitkolbens beim Stundenschlag - waren von ganz besonderem Reiz, wie etwa bei der Automatenuhr in Gestalt eines reitenden Paschas, die 1580 in Süddeutschland gefertigt wurde und im Historischen Museum in Basel zu sehen ist.

Porzellanproduktion
Ein großer Bereich der Turquerie ist das Porzellan, das aufgrund seines schwierigen Herstellungsverfahrens und seiner Fragilität einen legendären Ruf genoss. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren zahlreiche deutsche und europäische Manufakturen in der Lage, diesen schwierigen Werkstoff chinesischen Ursprungs herzustellen. Da bei den Osmanen das Porzellan ein begehrtes Sammelgut und Gebrauchsgeschirr war, ergab sich nun die Möglichkeit, nicht mehr die langen und teuren Transportwege nach China in Kauf zu nehmen, sondern preiswerteres Porzellan aus den europäischen Manufakturen zu beziehen. Diese versahen das Exportgut meist mit pseudochinesischen Zeichen, um dem begehrten Porzellan eine chinesische Anmutung zu verleihen. Um den Vorstellungen europäischer Käufer zu entsprechen, wurden zahlreiche Figuren und Gefäße mit türkischen Dekoren hergestellt. Der französische Botschafter in Konstantinopel, Marquis Charles de Ferriol, beauftragte ein Stichwerk, das in einer Folge von 100 Gemälden einen Einblick in die osmanische Welt geben sollte. Jean-Baptiste Vanmour (1671-1737) malte die Mitglieder des türkischen Hofes, um die Gemälde anschließend in Paris stechen zu lassen. Der "Recueil Ferriol“ versammelt Darstellungen von den Würdenträgern bis hin zum einfachen Volk und wurde bald zum Nachschlagewerk für ganze Manufakturen. Gegen Ende der 1740er Jahre wurden in Meißen die ersten Porzellanfiguren nach diesen Stichen gefertigt. Dem großen Umfang des "Receuil Ferriol“ ist es zu verdanken, dass ganze Nationalitätenserien angefertigt wurden. Die Auswahl der Figuren erfolgten nach dekorativen Gesichtspunkten, die exotische Wirkung der Kostüme war dabei von besonderem Interesse. Porzellanfiguren mit türkischen Trachten, die mitunter für das Schachspiel hergestellt wurden und Nippes in orientalischer Manier sind typische Zeugnisse der Türkenbegeisterung und erfreuten sich an den europäischen Höfen großer Beliebtheit.

Turquerie bei Hofe
Dass die Turquerie und Orientrezeption vor allem eine Domäne derer war, die nie den Orient sahen und ihm vielmehr ein imaginiertes Interesse entgegenbrachten oder zu politischen Zwecken nutzten, zeigt sich ebenfalls bei Hofe. Die über Jahrhunderte anhaltende Faszination, die von den Osmanen ausging, speiste sich aus einem breiten Spektrum von Vorstellungen. Diese reichten vom Türken als den grausamen barbarischen Christenfeind über den bewunderungsgwürdigen Krieger, den kultivierten und kunstsinnigen Exoten bis hin zum erotischen Orientalen. Die Aktivitäten zu Hofe spiegeln die wandelnde Interpretation osmanischer Kultur aus europäischer Sicht. Solange von den Osmanen eine reale Bedrohung ausging, waren die Inszenierungen geprägt von einer ambivalenten Haltung aus Furcht und Bewunderung. In Scheingefechten und triumphalen Turnieraufzügen galt es, militärische Siege über die Osmanen vorzuführen und zu feiern oder aber ein weniger ruhmreicher Kampf zu beschönigen. Die Waffenspiele erlaubten es zudem anstehende Schlachten mit den Osmanen siegreich vorwegzunehmen und als politische Propaganda zu nutzen. Besonders beliebt war das Lanzenstechen nach Türkenfiguren und -köpfen aus Holz oder Pappmaché. Sowohl bei Hofe als auch im kleinbürgerlichen und bäuerlichen Milieu galt das "Türkenkopfstechen“ als willkommene Gelegenheit, die Osmanen stellvertretend zu besiegen. Das Türkenkopfrennen lässt sich von der auf osmanischer wie auf europäischer Seite gleichermaßen übliche Praxis herleiten, den Kopf des Feindes als Trophäe und Beweis des Sieges zu verwenden. Ein als "Carusel“ bezeichnetes Mannschaftsspiel, das offenbar eine militärische Übung osmanischer Krieger war und der eigenen körperlichen Ertüchtigung diente, wurde vornehmlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gespielt. Hier galt es, in einer Verfolgungsjagd den gegnerischen Spieler mit einem Wurfstock oder -spieß zu treffen. Die Reitergruppen traten in der Regel in Türken- oder Mohrenverkleidung an und beschossen sich mit Pfeilen, die mit Schilden abgewehrt wurden. Nach dem Frieden von Karlowitz 1699 und dem Abnehmen der Türkenbedrohung wich das Bild vom feindlichen Osmanen zunehmend der Vorstellung eines Orients mit ausschweifenden Genuss- und Sinnenfreuden. In galanten Verkleidungsfesten waren fortan türkische Maskeraden schick.

Die schwärmerische Faszination für den exotischen Orient im höfischen Bereich fand ihren Höhepunkt in den Hochzeitsfeierlichkeiten zur Vermählung des sächsischen Kurprinzen Friedrich August II. mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha im Jahre 1719. Für das Hochzeitsfest ließ August der Starke, das dafür vorgesehene Palais umgestalten und innen auf "türckische Art“ ausgestalten. "Türckische Sachen“, zumeist Goldschmiedearbeiten, wurden zur Ausschmückung herbeigeschafft. In Anlehnung an die osmanischen Elitetruppen, wurden Janitscharen als Festgarde aufgestellt. Für die Feierlichkeiten wurden 315 Infanteristen ausgesucht, die jung, ansehnlich, von gleicher Höhe sein sollten und sich einen "moustache à la Turque“ wachsen lassen mussten. Das türkische Fest begann mit dem Aufmarsch der Janitscharen und dem Spiel ihrer Musik. Zuvor war Maria Josepha bei ihrer Ankunft mit dem Schiff vor Dresden mit türkischer Pracht feierlich empfangen worden – der König hatte eigens neun "vortreffliche Türckische Gezelte“ aufstellen lassen. Zur Aufwartung und Bedienung bei der abendlichen Tafel, die die Form eines Halbmonds hatte, waren nur Personen in türkischer Kleidung zugelassen. Zu den geladenen Gästen gehörte auch der türkische Großbotschafter, der im Gefolge von zehn Osmanen erschien.

Ausblick ins 19. Jahrhundert
Das europäische Bild vom Osmanischen Reich war im 18. Jahrhundert, so scheint es, mehr geprägt von Moden als von Politik. Bis ins 19. Jahrhundert fanden orientalisierende Motive ihre Ausprägung in Literatur, Musik, Theater und gesellschaftlichem Leben. Die Auseinandersetzung mit dem Orient und anderen außereuropäischen Kulturen war dennoch am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr länger nur eine Modeerscheinung, sondern ebnete neue Wege in der europäischen Kunst und bedeutete eine grundlegende Erneuerung ästhetischer Maßstäbe. Eine ausgeprägte Reisetätigkeit und die Erfindung der Fotografie regten fortan die Phantasie vo der "weiten Welt" an. Panoramabilder von Istanbul zählten bald zu den beliebtesten touristischen Souvenirs des östlichen Mittelmeerraumes.
Das

"Caroussel", kolorierte Radierung, ca. 1814. Historisches Museum, Wien
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