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Das Türkenbild in der Kunst Europas
Die Vorstellung, die die bildenden Künste von den Türken vermittelte, unterlag zwischen dem 15. und 19. Jh. einem vielfachen Wandel. Historische Ereignisse und Gegebenheiten spiegelten sich in den Darstellungen von Türken bzw. Orientalen ebenso wie geistesgeschichtliche und kulturelle Entwicklungen.

Das Feindbild im Zeitalter der Türkenfurcht
Die Zeit der Türkenkriege, vor allem das 16. Jh., empfanden die Europäer als eine nicht enden wollende osmanische Siegesserie, während der sich ihre Fürsten nicht zur Gegenwehr aufraffen konnten. Vor allem die Bewohner der Grenzgebiete litten unter den ständigen Angriffen und Überfällen der Osmanen. Doch steigerte sich in ganz Ost- und Mitteleuropa die Türkenfurcht zu einer Art Massenpsychose. Aus dieser Epoche stammt ein von Entsetzen, Not und Ohnmacht geprägtes, hass- und angstverzerrtes Feindbild, das nicht zuletzt der Kriegspropaganda diente. Die in Flugblättern, Chroniken und Kriegszeitungen enthaltenen Holzschnitte charakterisierten die Türken nicht nur als wilde Krieger und grausame Barbaren, sondern gar als unmenschliche Tyrannen, denen keine Gräueltat zu übel war und die blutrünstig mordend durch die Lande zogen, der Menschheit Tod und Elend bringend.

Hinzu kam, dass man die Andersgläubigen nicht nur als Heiden verachtete, sondern in ihnen die Inkarnation des Teufels, den “Erbfeind christlichen Blut und Namens“ sah. Die Türken wurden mit dem Antichristen der Apokalypse identifiziert, der den Weltuntergang ankündigte. Man glaubte, Gott habe diese Geißel als Strafe für den sündigen Lebenswandel der Christen geschickt. Auch Theologen wie Martin Luther (1483-1546) und Erasmus von Rotterdam (1466-1536) schürten die Türkenangst und gaben Hetzparolen aus, einerseits um die weltlichen Mächte zum militärischen Widerstand zu bewegen, andererseits um der Bevölkerung, angesichts des Versagens der ersteren, Gott und Glaube als einzige Rettung verheißende Alternative zu propagieren. So stieg das Verlangen der Menschen zur religiösen Umkehr. Durch Buße und Gehorsam gegenüber der Kirche versuchten sie, die Gnade Gottes zurückzuerlangen. Auch die Bereitschaft zu finanziellen Opfern erhöhte sich, so dass die Regierungen die sog. Türkensteuer zur Finanzierung des Krieges erheben konnten.

Wie die Osmanen wirklich waren, wussten die Europäer nicht, noch interessierten sie sich dafür. Denn, abgesehen von den kriegerischen Begegnungen, gab es noch im 16. Jh. kaum Kontakte. Nur vereinzelt mischten sich Bewunderung - etwa für die Macht der Großherrn - in die Darstellungen, wie sie z.B. zu beobachten ist in den Porträts Gentile Bellinis (1430-1507) oder den Bildern aus der Schule von Paolo Veronese (1528-1588), welche die osmanischen Sultane in Gestalt idealisierter Renaissanceherrscher zeigten. Doch verhinderte das allgemeine Entsetzen eine objektive Betrachtungsweise der fremden Zivilisation.

Bilder des Sieges - Triumph und Spott
Nachdem in den Türkenkriegen Ende des 17. Jh. der Befreiungsschlag gegen die türkische Expansion geglückt war, vollzog sich die Verarbeitung der Kriegserlebnisse und der Angstneurose, welche die Türkengefahr hinterlassen hatte, auch in der bildenden Kunst. Türkenschlachtbilder oder Belagerungsszenen schilderten den Kriegsverlauf. Auch repräsentative Triumphbilder entstanden, in denen die Sieger ihre Taten verherrlichen ließen, und die nun das Heldenzeitalter der zur Großmacht aufgestiegenen österreichischen Monarchie verkündeten. Auf allegorischen oder mythologischen Darstellungen triumphierten Kaiser und Feldherrn, oft in Gestalt von Heroen über besiegte Barbaren, die Tracht und Insignien des osmanischen Reiches als Türken auswiesen. Der einstmals so furchterregende Feind lag oder kauerte gefesselt, manchmal nackt, am Boden.

Die Ereignisse fanden ihren Niederschlag auch in der Volkskunst. Spottschriften - Flugblätter, Zeitungen oder Spielkarten - waren mit Karikaturen von Osmanen illustriert. Hier entluden sich Angst und Hass in Häme und beißender Ironie. An manchen Hausfassaden und Torbögen rufen noch heute die damals entstandenen, manchmal drohend wirkenden, manchmal karikaturartigen Türkenfiguren und -köpfe die Ereignisse in Erinnerung. Auch die Gebrauchskunst, z.B. die Majolika, fand Gefallen an Türkenmotiven. In volkstümlich unverblümter Art wurden angreifende Türkenreiter oder enthauptete Türken wiedergegeben. Das Türkenmotiv gab es auch im Volkslied. Hier wurden die Osmanen gänzlich zur Spottfigur degradiert.

Reiseberichte und Gesandtschaften - Die Entdeckung eines neuen Orients
Im 16. Jh. bahnten sich diplomatische Beziehungen mit dem Osmanenreich an. Diese intensivierten sich im 17. und vor allem im 18. Jh., nach dem Frieden von Karlowitz 1699. Die europäischen Staaten entsandten nun Botschafter oder sogar ständige Vertreter an den Bosporus. Auch Reisende und Künstler brachen zu Erkundungsfahrten ins Osmanische Reich auf. Ihre Berichte enthielten Informationen über den Lebensstil und bildliche Darstellungen aus dem Alltag der Osmanen. Diese wurden im Westen mit Neugier und zunehmender Begeisterung aufgenommen. Ein neues Interesse für die Kultur des ehemaligen Feindes erwachte. Zum regelrechten Bestseller entwickelten sich die postum publizierten Briefe von Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762), der Frau des englischen Botschafters von Georg I. (reg. 1714-1727) in Konstantinopel, die in den höchsten Kreisen der osmanischen Gesellschaft verkehrte. Gerne gelesen wurden auch bebilderte Reportagen, die mehr oder weniger authentische Darstellungen aus dem türkischen Volksleben zeigten, so die “Wolgerissenen vnd Geschnittenen Figuren ... sampt schönen Türckischen Gebäuden und allerhand was in der Türckey zu sehen“ von Melchior Lorch (1527-1583), der im Gefolge des habsburgischen Legaten Ogier Ghiselin de Busbecq (1522-1592), nach Konstantinopel gekommen war. Ein reich illustriertes Werk ("Reizen door de vermaardste Deelen van Klein Asia...") fertigte auch der Maler Cornelis de Bruyn (1652-1727) an, der während und nach einer mehrjährigen Orientreise Zeichnungen und Kupferstiche türkischer Städte und ihrer Bewohner anfertigte.

Daneben fanden Kostümbücher, die sich mit der Kleidung der Osmanen, vor allem der Haremsdamen, befassten, bei Europas Adel reißenden Absatz. Teilweise dokumentarisch genau, bedienten sie doch auch die Freude der Europäer am Exotischen, Fremden und Kuriosen. Das berühmteste trachtenkundliche Werk war der nach seinem Auftraggeber Marquis Charles de Ferriol (1652-1718), einem Botschafter Ludwigs XIV. (reg. 1643-1715), benannte und 1713 in Paris erschienene Recueil Ferriol. Die Kupferstichfolge stellte die Bewohner des Osmanischen Reiches vor: Sultan, Würdenträger, Militärs, Haremsdamen, sogar das einfache Volk und seine Berufe. Dieses in Bezug auf die türkendarstellungen bedeutendste Werk des 18. Jh. besaß überragenden Einfluss auf die Malerei, das Kunstgewerbe und die Mode der Epoche. Der Künstler des Recueil Ferriol, Jean-Baptiste Van Mour (1671-1737), lebte 38 Jahre in Konstantinopel. Dort arbeitete er für den großherrlichen Hof und erlangte sogar Zugang zum Serail. Als Augenzeuge malte er sachlich-detailgetreue Bilder vom Hofleben, aber auch Alltagsdarstellungen und Genreszenen aus dem Leben der Frauen.

Das 18. Jh. - Die Zeit der Türkenmode
Im Verlauf des 17. und vor allem im 18.Jh., während der länger andauernden Friedenszeiten, mündete das Interesse der Europäer am Orient in eine schwärmerische Begeisterung, die Turkomanie. Zu diesem Wandel der Auffassung gegenüber den Osmanen bzw. Orientalen trug in nicht unerheblichem Maße die Aufklärung bei. Gelehrte und Philosophen erforschten die morgenländische Kultur und zogen die bislang postulierte geistige Überlegenheit Europas ihr gegenüber in Zweifel. Sie wiesen auf kulturelle Ähnlichkeiten und gemeinsame ethische Ideale hin. Die Ideen von Toleranz, Emanzipation und Kosmopolitentum führten zu einer differenzierteren Vorstellung über die Türken und den Islam. Man begann, sich von alten Vorurteilen zu lösen. Voltaires (1694-1778) Schrift über Muhammad war sogar - wenn auch nicht ohne Boshaftigkeit - dem Papst gewidmet. Die zeitgenössische Literatur, vor allem das Theater, aber auch die Libretti der Opern, applizierten nun auch positive Klischees auf die Orientalen, Eigenschaften wie Güte, Toleranz und Glaubensstärke. Die Türken verkörperten hier oft das Ideal des aufgeklärten, um das Wohl seiner Untertanen bekümmerten Souveräns, des milden und gerechten Herrschers. Berühmtestes Beispiel sind die Charaktere aus Mozarts Oper “Die Entführung aus dem Serail“. Diese Turkophilie, die Begeisterung für türkische Kultur und orientalische Sitten, artikulierte sich auch in der Kunst. Erscheinungsformen der Turquerie sind in all ihren Bereichen, z.B. in der Architektur und Innenraumgestaltung, der angewandten Kunst, der Plastik und vor allem der Malerei, zu beobachten. Im höfischen Ambiente galt die Türkenmode als besonders chic. Man feierte sogar türkische Feste und erschien dort in ebensolchen Kostümen.

In der Malerei herrschte in dieser Epoche ein gänzlich anderes Türkenbild vor. Neben Porträts von - hauptsächlich vornehmen Orientalen - traten nun neue Türkendarstellungen mit exotischer Thematik. In heiteren Szenen bevölkerten galante Osmanen vom Typus des “Turc genereux“ oder “Turc amoureux“, kaffeetrinkend oder kokett ihre Favoritinnen umgarnend, einen eher europäischen Phantasieorient. Die Künstler inszenierten türkisches Leben im Geschmack der Zeit und im Sinne der aristokratischen Verspieltheit und Vorliebe für das Dekorative. Berühmte Türkenbilder dieser Art befanden sich im Chateau Bellevue der Marquise de Pompadour (1721-1764) oder im “boudoir turc“ Marie Antoinettes (1755-1793) im Schloss von Fontainebleau.

Porträts à la turque
Ab den 30er und 40er Jahren des 18. Jh., als die osmanischen Gesandtschaften in Paris und Berlin die Türkenbegeisterung noch verstärkten, war es in der Oberschicht en vogue, sich in türkischer oder vielmehr pseudo-türkischer Tracht porträtieren zu lassen. Einer der berühmtesten Maler dieses Genres war der “peintre turc“ Jean-Etienne Liotard (1702-1789).

Orientalismus und Exotismus im 19. Jh.
Im späten 18. und 19. Jh. erfuhr das Türkenbild - der Türke stand nun als Synonym für den Orient, für orientalische Kultur und Lebensart schlechthin - eine erneute Umdeutung. Die Epoche des Orientalismus und Exotismus gab sich ganz der Faszination des Fremden hin. Doch entwarf sie ein quasimythisches Bild vom Orient, voller Klischees und Stereotypen, die dazu dienten, das Fremde den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen oder entsprechend umzubilden. Indem man den Orientalen vor allem Irrationalität, Sinnlichkeit, eine gewisse Dekadenz, den Hang zur Ausschweifung, aber auch Grausamkeit unterstellte, wurde auf den Überlegenheitsanspruch der eigenen Kultur verwiesen. Zugleich imaginierte man einen Orient, der ausschließlich als exotische Kulisse für die eigenen verdrängten und gesellschaftlich nicht akzeptablen Wünsche und Sehnsüchte fungierte. Vor allem der mit Polygamie assoziierte Harem wurde im Abendland zum Sinnbild von Erotik und freier Liebe schlechthin. Ein weiteres Thema der Türkenbilder des 19. Jh. war die orientalische Prachtentfaltung, der unermessliche Reichtum und märchenhafte Luxus des Orients.
Szene im Garten eines Serails/Fondazione Thyssen-Bornemisza, Lugano

Giovanni Antonio Guardi, Öl auf Leinwand, Venedig 1742/43. Fondazione Thyssen-Bornemisza, Lugano (Inv. 1956.2)
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Ein phantastisches Panoptikum
In Bezug auf ihre Vorstellungen vom Orient, geriet die Phantasie der Europäer außer Rand und Band. Hier war alles drin: die Klischees reichten vom grausamen Warlord und Antichrist bis hin zum galanten Schwelger und sinnenfrohen Weichling.

 

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