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Osmanische Außenpolitik
Krieg und Expansion
Das Osmanische Reich besaß eine Expansionskraft von außergewöhnlicher Dynamik, denn das Herrschaftssystem, die Stabilität der Zentralmacht und der wirtschaftliche Wohlstand waren auf militärische Eroberungen gegründet. Dank der gut organisierten und schlagkräftigen Armee, die der Sultan jederzeit mobilisieren konnte, war es gelungen, das Territorium des Staates immens zu vergrößern. Nicht nur durch Krieg, sondern auch durch politischen Druck vereinnahmte die Hohe Pforte fremde Staaten. Zunächst machte man die einheimischen Fürsten zu tributpflichtigen Vasallen, die Heerfolge zu leisten hatten, nahm dann Einfluss auf ihre Ein- und Absetzung und formte schließlich osmanische Provinzen oder Vasallenstaaten aus ihren Ländern.

Auch die Idee des Dschihad, des Heiligen Krieges im Sinne der Ausbreitung des Islam, und das Ideal des Gazis, des Glaubenskämpfers (gazi, arab. Krieger), mag eine Triebfeder für die Eroberungen und das Streben nach Erweiterung des Herrschaftsgebietes gewesen sein. Schließlich war der Sultan als Kalif auch geistiges Oberhaupt der muslimischen Welt. Doch mussten nichtislamische Staaten keineswegs mit Waffengewalt bezwungen oder gar bekehrt werden. Sofern andere Länder die osmanische Oberhoheit anerkannten, galten sie bereits als islamisches Gebiet. Die Vorstellung, im Paradies mit ewigen Freuden belohnt zu werden, falls sie im Kampf für den Glauben starben, erfüllte für die Soldaten den Gedanken an ihren Tod mit Sinn und war sicherlich eine Motivation für die Krieger. Die Sultane nutzten diese Denkart ebenso wie ihre Rolle als Vorkämpfer für den Glauben zur Durchsetzung ihres machtpolitischen Ziels, der Erringung der Weltherrschaft. Bereits Mehmet II. (reg. 1451-1481), der Eroberer, sowie nach ihm vor allem Selim I. (reg. 1512-1520), der Gestrenge, und Süleyman I. (reg. 1520-1566), der Prächtige, verfolgten konsequent die Idee eines Weltreichs, das alle vorherigen übertreffen sollte. Aufgrund dieses universalen Anspruchs ihrer Herrschaft, erkannten die Sultane die Machthaber anderer Länder nicht als ebenbürtig an.

Diplomatie
Die Beziehungen zwischen Europa und den Osmanen erschöpften sich aber keineswegs in kriegerischen Auseinandersetzungen. Es gab auch Kontakte auf politischer Ebene, diplomatischen Austausch und Vertragsabschlüsse.

Handelsvereinbarungen
In Kriegs- wie in Friedenszeiten waren Handelsabkommen von Bedeutung, die den Schutz von Handel und Verkehr, den freien Strom von Waren und Dienstleistungen, sowie den Austausch von Know-how gewährleisteten. Rege Handelsbeziehungen, teilweise auf Basis vertraglicher Vereinbarungen, unterhielten die italienischen Stadtstaaten, vor allem Venedig, schon seit dem 14. Jh. mit dem Reich des Sultans. Im 16. Jh. schlossen die Osmanen mit verschiedenen europäischen Ländern Handelsabkommen, die sog. Kapitulationen (ahdaname), kapitelweise abgefasste Verträge. Der erste Vertragspartner war 1536 Frankreich. Die wichtigsten Bestimmungen der Kapitulation mit Franz I. (reg. 1515-1547) sicherten freien Handel und, da dieser vorwiegend auf dem Seeweg erfolgte, freie Schifffahrt. Der Vertrag war für beide Reiche von unschätzbarer Bedeutung. Frankreich sicherte sich für Jahrhunderte die Vorrangstellung im Levantehandel und sollte zukünftig - als Hauptfeind des Hauses Habsburg - auch politisch der wichtigste europäische Bündnispartner der Osmanen bleiben. Für das Osmanische Reich, das wichtigste islamische Großreich, bedeutete der Vertrag die Anerkennung als potentieller Vertragspartner für europäische Mächte. Zuvor war das Verhältnis zwischen Europa und den Osmanen von gegenseitiger Ablehnung geprägt. Nun weigerte man sich nicht mehr, offiziell politische Beziehungen mit den als ungläubig empfundenen Andersgläubigen zu pflegen.

Friedensverträge
Auch die zahllosen Kriege mündeten schließlich in vorsichtige diplomatische Annäherung, denn sie machten Friedensersuche und -vereinbarungen notwendig. Allerdings schloss die Pforte meist nur befristete Friedensverträge, die dazu dienten, ihre Streitkräfte an anderen Fronten operieren zu lassen. Die Osmanen fassten derartige Übereinkünfte eher als Waffenstillstand auf, den sie nach Belieben brechen konnten. Dabei folgten sie Grundsatz der "müdara", der Katzenfreundlichkeit, die nicht als schändlich, sondern als ehrenhaft und schlau galt.

Europäische Botschafter und Gesandte am Goldenen Horn
Zur Vertretung ihrer Interessen entsandten vor allem Venedig, Frankreich und Holland, später auch Habsburg, Legaten ans Goldene Horn. Ab den 20er und 30er Jahren des 16. Jh. unterhielten sie in Istanbul ständige Gesandte, sog. Residenten. Natürlich betrieb man auch gegenseitige Spionage und unterhielt ein umfangreiches Agentennetz.

Die europäischen Gesandtschaften, die an die Hohe Pforte geschickt wurden, hielten ihre Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen in Berichten und Tagebüchern fest. Nicht selten ließen sie sich auch von Malern und Zeichnern begleiten. So entstanden illustrierte Reisebeschreibungen, die bald in ganz Europa verbreitet waren, wo die Angst vor den Türken allmählich einer gewissen Neugier und vorsichtigem Interesse wich.

Die wichtigsten derartigen Quellen für das 16. Jh. sind die Aufzeichnungen des Holländers Ogier Ghiselin de Busbecq (1522-1592), der als Gesandter Kaiser Ferdinands von Habsburg (reg. 1556-1564) in den 50er Jahren am Hof Süleymans des Prächtigen (reg. 1520-1566) weilte. Dem in seinem Gefolge mitreisenden Maler Melchior Lorch sind zahlreiche Stiche und Zeichnungen der Bewohner und Städte des Osmanenreiches zu verdanken. Jahrzehnte später dokumentierte der österreichische Ambassadeur Hans Ludwig von Kuefstein, der 1628 an den Bosporus geschickt wurde, seine Reise mit illustrierten Tagebuchaufzeichnungen. Im 18. Jh. sorgte der auf Anregung des französischen Botschafters Marquis Charles de Ferriol in Konstantinopel entstandene Code Ferriol, mit den kolorierten Stichen des Malers Jean-Baptiste Van Mour (1671-1737) für Furore. Besondere Berühmtheit erlangten auch die Briefe von Lady Mary Wortley Montagu, der Gattin des i.J. 1717/18 in Istanbul weilenden englischen Botschafters. Sie wurden 1763, ein Jahre nach ihrem Tode veröffentlicht und avancierten schnell zum Bestseller.

Die Audienz beim Großherrn
Die diplomatischen Kontakte waren durch die strengen Regeln des Gesandtschaftszeremoniells bestimmt. Die Legaten hatten sich strikt an die Etikette des osmanischen Hofes zu halten, um nicht politische Krisen oder gar militärische Konflikte zu provozieren. So wurde den Wiener Botschaftern bis zu den Siegen im Türkenkrieg von 1683-1699 die Bitte verweigert, bei ihrer Ankunft in Istanbul mit Musik und gehisster Fahne das Ansehen ihres Kaisers zu demonstrieren. Dennoch zogen die Gesandten mit repräsentativem Pomp und unter dem Geleit von Janitscharen und osmanischen Beamten, die sie am Stadttor begrüßten, in die Hauptstadt ein. Ihre riesige Gefolgschaft bestand aus Sekretären, Dolmetschern, militärischer Bewachung und Dienstboten. Außerdem wurden ihnen die reichhaltigen Geschenke und Ehrengaben, die sie dem Sultan mitbrachten, vorangetragen.

Den Höhepunkt einer jeden Ambassade bildete der Empfang beim Sultan (arz). Mit der Antrittsaudienz vollzog die Hohe Pforte die offizielle Anerkennung der diplomatischen Mission. Zunächst wurden die Botschafter bei ihrer Ankunft im Topkapi-Palast von hohen osmanischen Würdenträgern am Eingangstor begrüßt und zum Bankett im Diwanssaal gebeten. Bei diesem Festessen, das als wichtiger Bestandteil des gesamten Staatsaktes galt, waren zwar hohe staatliche, religiöse und militärische Repräsentanten zugegen, nicht jedoch der Sultan selbst. Allerdings wussten die Legaten, dass der Padischah die Geschehnisse aus der Sultansloge hinter dem vergitterten Holzfenster des Beratungssaales ungesehen verfolgen konnte. Wendeten sie jedoch ihrerseits den Blick in Richtung des verborgenen Sultans, wurde dies von den Festteilnehmern als Fauxpas registriert.

In der Zwischenzeit hatte man im Zweiten Hof des Topkapi Serail die mitgebrachten Geschenke aufgebaut, damit sie gebührend bestaunt wurden. Diese Gaben hatten repräsentativen Charakter und waren entsprechend kostspielig. Der Großherr wurde mit Goldtalern, Kunstwerken, silbernen und goldenen Geschmeiden, Edelsteinarbeiten, teuren Textilien und kunstvollen Waffen bedacht. Besonderen Anklang am Sultanshof fanden vor allem die mitgebrachten europäischen Uhren- und Automatenwerke.

Nach dem Festmahl führte man die Gesandtschaft ins Innere des Sultanspalastes. Unter dem dritten Tor (Bab-ı saadet), wo die Scharfrichter Wache hielten und die Janitscharen exerzierten, mussten sie gebührende Zeit darauf warten, dass der Großherr den Empfang gewährte. Währenddessen kleidete man die Botschafter in Ehrenkaftane. Dann führten hochrangige Beamte die Diplomaten zum Audienzpavillon (Arz odası). Dort erwartete sie der Sultan, umgeben von seinem Gefolge, auf einem prächtigen Thron. Zwei Würdenträger fassten die Botschafter an den Armen und führten sie vor den Herrscher. Diese Gepflogenheit hatte ihren Ursprung möglicherweise in der Vorsichtsmaßnahme, den Sultan vor Mordanschlägen zu schützen. Dann wurden die Gesandten auf die Knie gedrückt und mussten den Gewandsaum des Großherrn, manchmal auch seine Hand küssen. Dieses Zeremoniell empfanden die europäischen Adligen als äußerst demütigend. Es symbolisierte den Anspruch der Sultane auf Universalherrschaft. Das ungemein prachtvolle, geradezu legendäre Ambiente dieser Empfänge diente nicht nur der staatlichen Repräsentation im allgemeinen, sondern auch der Versinnbildlichung dieser Idee. Vor dem Padischah trug der Gesandte sodann sein Anliegen vor, und überreichte das offizielle Begleitschreiben. Während der gesamten Audienz durfte er jedoch den Sultan niemals direkt ansprechen, sondern lediglich über Dolmetscher mit den Wesiren kommunizieren. Stand der Sultan dem Begehr der diplomatischen Mission wohlgesonnen gegenüber, signalisierte er durch kleine Gesten dem während der gesamten Audienz vor ihm stehenden Legaten seine Huld. Nach der Unterredung war die Audienz beendet. Bevor der Gesandte wieder abreiste, stattete er dem Herrscher noch einen Abschiedsbesuch ab und erhielt einen Geleitbrief für die Reise.

Osmanische Delegationen in Europa
Angesichts des fortschreitenden inneren und äußeren Machtzerfalls des Imperiums intensivierte das Osmanische Reich seine diplomatischen Kontakte mit Europa ab dem 17. Jh., vor allem aber im 18. Jh. Es schickte nun öfter Gesandtschaften aus, die die außenpolitischen Belange an den fremden Höfen vertraten. Vor allem mit Frankreich, später auch mit Preußen, pflegten die Osmanen ein besonders freundschaftliches Verhältnis.

Ein großes Ereignis war das Eintreffen des türkischen Gesandten Çelebi Mehmet Efendi 1721 bei Ludwig XV. (reg. 1715-1774). Seine Eindrücke von Paris schrieb er in einem Buch “Das Paradies der Ungläubigen“ nieder. 1763 begab sich mit Ahmet Asmi Efendi zum ersten Mal ein türkischer Botschafter nach Berlin. Die Ambassade wurde von den Berlinern als großes Spektakel empfunden und zahlreiche Schaulustige bevölkerten die Straßen, um den Legaten zu sehen, der u.a. eine Schule, eine Kirche und Handwerksmanufakturen besuchte. Zweck dieser Mission war es, Politik, Verwaltung, gesellschaftliche Verhältnisse und vor allem das Militär Preußens zu studieren. Zudem ging es darum, ein Bündnis gegen den gemeinsamen Feind Russland zu erwirken. Mittlerweile also hatte sich die Lage ins Gegenteil verkehrt: Die Osmanen suchten Unterstützung gegen ihre Feinde an den europäischen Höfen. Dass sich die politische Annäherung zeitweise schwierig gestaltete, bezeugt das Geschacher um die Tagegelder, die das Gastland der Delegation zu zahlen hatte. Dieses entschied Ahmet Efendi mit dem Ausspruch, wenn man ihm wenig gäbe, bliebe er lange, gäbe man ihm viel, so ginge er bald wieder. Dass die Beziehungen jedoch prinzipiell gut waren, belegt ein höflicher Briefwechsel zwischen Friedrich II. und dem Sultan Mustafa III. (reg. 1757-1774) bzw. dessen Großwesir. Dies war die Basis für die freundschaftlichen osmanisch-preußischen Kontakte der beiden folgenden Jahrhunderte.
Empfang bei Sultan Ahmet III./Musée des Beaux-Arts, Bordeaux

Jean-Baptiste Van Mour, Öl auf Leinwand, 1724. Musée des Beaux-Arts, Bordeaux (Inv. 5730)
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Personen:
Mehmet II., der Eroberer (Fatih)
Themen:
Das Osmanische Reich - Die Geburt einer Weltmacht
Staatswesen und Verwaltung im Osmanischen Reich
Das Topkapi Serail - Der Palast des Großherrn
Das Osmanische Reich - Ein Imperium im Niedergang
Das Heerwesen der Osmanen
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