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Das Timar-System - Eigentum und Grundbesitz bei den Osmanen
Die Bodenbesitzverhältnisse im Osmanischen Reich
Die Bodenbesitzverhältnisse waren das wirtschaftliche Fundament des Herrschaftssystems und die Garantie für den Bestand der gesellschaftlichen Ordnung. Seit der Herrschaft Mehmets II. (reg. 1451-1481) unterschied man im Osmanischen Reich drei Arten von Grundeigentum: Staatsbesitz (arz-ı miri), Stiftungsbesitz (vakf) und Privatbesitz (mülk). Private Ländereien gab es im osmanischen Staat kaum. Nur Gärten, gewerblich genutzte Flächen und Gebäude oder auch Wohnhäuser durften in Privat- bzw. Stiftungseigentum sein. Die Frommen Stiftungen waren wohltätige Institutionen, die Landbesitz und Immobilien verwalteten, welche ihnen für gemeinnützige Zwecke gestiftet oder vererbt worden waren.

Ca. 85-90 % des Landes oblag der Verfügungsgewalt von Staat und Sultan. Zum staatlichen Grund und Boden zählten die großherrlichen Staatsdomänen (has-ı hümayun), aus denen die Hofhaltung des Sultans finanziert wurde. Der Großteil der Ländereien jedoch wurde vom Staat innerhalb eines Systems von Landzuweisungen, dem sog. Timar-System, als Pfründe vergeben.

Das Timar-System
Das Timar-System war ein Spezifikum des Osmanischen Reiches. Es diente zur Entlohnung der Bediensteten der Staatsverwaltung. Zahlreiche Inhaber von zivilen und militärischen Ämtern wurden nicht mit einem Gehalt besoldet, sondern man wies ihnen für ihre Dienste Ländereien, sog. Timare (Tımar) zu, aus denen sie ihren Lebensunterhalt bestritten. Die Grundstücke gingen dabei nicht in den Besitz der Würdenträger, Beamten und Militärs über. Ihnen wurden lediglich die Nutzungsrechte übertragen. In der Regel verpachteten die Timar-Inhaber das Land dann zur Bewirtschaftung an die Bauern. Sie selbst lebten von den Abgaben, die die Landbevölkerung ihnen zahlen musste, und fungierten in ihrem Gebiet als Steuereintreiber des Staates.

Die Timare wurden auf Lebenszeit verliehen, und durften von den Timarioten weder verkauft noch verschenkt werden. Auch waren die Ländereien nicht erblich, sondern fielen nach dem Tode des Inhabers an den Staat zurück, um vom Sultan neu vergeben zu werden. Zwar gab es in der Praxis eine gewisse Kontinuität - viele Pfründe blieben innerhalb einer Familie und wurden nach dem Tode des Vaters dem Sohn erneut verliehen -, doch gab es kein ererbtes Vorrecht. Ein jeder musste sich im Dienst für Staat und Sultan neu beweisen, um in den Vorzug eines Amts bzw. Timars zu gelangen. Dieses System der individuellen Entlohnung nach dem Leistungsprinzip sicherte dem Sultan das unbedingte Engagement und die Loyalität der Führungsschicht. So konnte sich eine politische und militärische “upper class“, eine Art Amts- oder Leistungsadel im Dienste des uneingeschränkt herrschenden Sultans, herausbilden.

Entsprechend der Größe der Ländereien kannte man drei Kategorien von Timaren: Die Kleinpfründen, die Timare (tımar, osm.-türk. Pflege), gingen an die Reitersoldaten (Sipahis), ab dem 16. Jh. auch an die Bediensteten der Zivilverwaltung, z.B. Kanzlei- oder Finanzbeamte. Die Lehensreiter machten jedoch die überwiegende Mehrzahl der Timar-Inhaber aus. Als Gegenleistung waren sie persönlich zum Kriegsdienst verpflichtet. Außerdem mussten sie, abhängig von der Größe ihres Timars und der Höhe des daraus erzielten Einkommens, weitere bewaffnete Reitersoldaten (celebi) stellen. Das Mindesteinkommen aus einem Timar war, je nach Gebiet auf 1 000, meist jedoch auf 3 000, höchstens auf 19 999 Asper jährlich festgesetzt. Die Großpfründen (ziamet, osm.-türk. Führerschaft) - ab 20 000 Asper Jahreseinkommen - erhielten die höheren militärischen, später auch zivilen Beamten der Zentral- und Provinzialverwaltung. Die am höchsten dotierten sog. Stabspfründen (has) mit einem jährlichen Einkommen von mindestens 100 000 Asper waren für die höchsten staatlichen Würdenträger z.B. Wesire, Beğlerbeğs oder Kadıasker reserviert.

Das Prinzip der Landzuweisungen ging auf den Dynastiegründer Osman I. (reg. 1281-1326) zurück, der seine Anhänger an sich band, indem er sie mit Ländereien belohnte. Seit Murat I. (reg. 1360-1389) hatte jeder Reitersoldat per Gesetz Recht auf eine Kleinpfründe (tımar), und seit Mehmet II. (reg. 1451-1481) war die Landvergabe mittels des Timar-Systems obligatorisch.

Der Zerfall des Timar-Systems und die Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft
Das Timar-System als wesentliches Element der sozialen Struktur und staatlichen Ordnung war einer der ursächlichen Gründe für die kontinuierliche territoriale Expansion des Staates. Die Gebietsgewinne waren notwendig, um die Soldaten der Streitkräfte und die Beamten des Staates zu entlohnen. Der Zerfall dieses Systems Ende des 17. Jh. und die sich verschärfenden inneren und äußeren Krisen des Osmanischen Reiches standen in enger Wechselwirkung miteinander. Nachdem das territoriale Wachstum zum Stillstand gekommen war, die Zahl der Militärs und Staatsangestellten aber weiter anstieg, war der Staat gezwungen die Landzuweisungen zu verkleinern. Infolgedessen konnten die Pfründen ihre Inhaber oft nicht mehr ernähren und die Timarioten, vor allem die Sipahis, mussten ihr Land schließlich veräußern. Während es im ersten Jahrzehnt des 17. Jh. noch 45 000 Timare gab, ging ihre Zahl innerhalb zweier Jahrzehnte auf 7 000-8 000 zurück. Das Land wurde von zahlungskräftigen Profiteuren aufgekauft. Nicht selten handelte es sich bei diesen um Janitscharen, aber auch Staatsbedienstete, die nun nicht mehr durch Leistung, sondern durch Ämterkauf oder Bestechung in ihre Position gelangten. Es kam zur Umverteilung des Landbesitzes und zur Herausbildung einer Schicht von privaten Großgrundbesitzern, die riesige Landgüter (çiftlik) besaßen. Da das Sipahi-Heer schrumpfte, verlor der Staat seine effektive und jederzeit rekrutierbare Reiterarmee und musste trotz seiner chronischen Finanznot immer mehr bezahlte Söldner anheuern. Um die Geldknappheit zu mildern, etablierte der Fiskus die Institution der Steuerpacht (iltizam). Die Eintreibung der Steuern und Staatseinkünfte wurde nun an den Meistbietenden verpachtet bzw. gegen ein Gehalt vergeben. Die Steuerpächter - meist handelte es sich um einen der neuen Großgrundbesitzer - hatten eine festgelegte Summe an den Staat abzuführen oder den größtmöglichen Abgabebetrag einzuziehen. Daher strebten sie nach Gewinnmaximierung und trieben die Landbevölkerung und die Timarioten durch rücksichtslose Ausbeutung und Willkür in Überschuldung und Verelendung.

Nominell abgeschafft wurde das Timar-System allerdings erst durch eine gesetzliche Verfügung aus dem Jahre 1831, die festsetzte, dass alle Ländereien in Staats- oder Privatbesitz übergingen.
Spahis (Lehensreiter)/Österreichische Nationalbibliothek, Wien

Codex Vindobonensis (fol. 24). Österreichische Nationalbibliothek, Wien
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Sie teilten und herrschten
Die Großherrn besaßen die Verfügungsgewalt über fast das gesamte Land und teilten den Grundbesitz unter ihren Günstlingen auf. Wer sich nicht im Dienst für Staat und Sultan bewährte, ging im Kampf um Ansehen und Vermögen leer aus.

 

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