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Die Musik der Osmanen
Die Osmanen hegten eine große Begeisterung für Musik. So konnten sich im Osmanischen Reich die unterschiedlichsten musikalischen Stilrichtungen entwickeln.

Die klassisch-osmanische Musik
Am Sultanshof erfreuten sich die Großherrn an musikalischen Darbietungen jeglicher Art. So mancher Sultan beherrschte selbst ein Instrument oder komponierte. Selim III. (reg. 1789-1807) z.B. spielte vorzüglich Flöte (ney), und seine Werke werden heute noch aufgeführt. Zahlreiche Komponisten und Musiker studierten in der großherrlichen Musikschule im Sultanspalast. Diese war vom 13. bis zum 19. Jh. das Zentrum der türkischen Kunstmusik und wurde erst im Jahre 1912 aufgelöst.

Die klassisch-osmanische Musik basierte auf arabischen und persischen Elementen, mit denen sich auch byzantinische und jüdische Einflüsse vermischt hatten. Dennoch besaß sie einen eigenständigen Charakter. Für die Kunstmusik galten äußerst komplizierte Stil- und Kompositionsprinzipien. Die siebenstufige Tonleiter besaß sowohl Halb- als auch Ganztonabstände, und es ließen sich mehrere Tonarten unterscheiden. Die Melodiebildung (makam) wies komplexe rhythmische Muster (usul) und bestimmte Taktvorgaben auf. Für die Melodie, die sich meist innerhalb einer Oktave bewegte, waren Halbtöne und kleine Tonabstände charakteristisch. Häufige koloraturähnliche, melismatische Passagen, bei denen mehrere Töne auf eine Silbe gesungen wurden, verliehen der Musik eine opulente Klangfarbe. Die osmanische Hofmusik öffnete sich seit dem 19. Jh. westlichen Anregungen. 1828 wurde der italienische Musiker Guiseppe Donizetti zum Musikdirektor an den Sultanshof berufen. Zu Beginn des 20. Jh. löste schließlich eine weitgehend europäisierte Musikrichtung die klassisch-osmanische Musik ab.

Die Instrumente
Die Osmanen kannten eine Vielfalt von Instrumenten. Es gab Saiteninstrumente wie die Laute - sowohl die Langhalslaute (tanbur) als auch die Kurzhalslaute (kopuz, du) - die Harfe (çeng), die Zither (kanuna) und das sog. Hackbrett, eine mit Stäbchen geschlagene Zither (santur). Auch Streichinstrumente existierten in verschiedenen Varianten, etwa als Fideln (kemençe rumi, rebab) oder Spießgeigen (ıklık). Unentbehrlich waren auch Blasinstrumente, so die Rohrflöte (ney), die Panflöte (mıskal) und vor allem die Oboe (zurna). Diese traten häufig in Kombination mit Rhythmusinstrumenten auf, wie Pauken (kudüm, nakkare), Becken (zil) und Rahmentrommeln (def) mit oder ohne Schellen.

Im Sultanspalast gab es mehrere Musikkapellen von unterschiedlicher Zusammensetzung und Größe. Bei Hoffesten musizierten kleine Gruppen von Spießgeigen, Pan- und Längsflöten und Oboe. Dazu untermalten Schellen oder größere Trommeln die arabeskenhafte Melodie und gaben den Rhythmus an.

Die Sakralmusik
Aus dem sakralen Bereich stammten rituelle Lieder, meist gesungene Gebete und Koranrezitationen, sowie der Sprechgesang des Muezzins. Da nach Vorstellung der islamischen Theologen die von Instrumenten begleitete Musik von Gott ablenkte, bevorzugte man Vokalmusik, welche die Botschaft Gottes vermittelten konnte. Daneben entstand in den Derwischklöstern eine Art kultische Meditationsmusik (mevlevi). Sie diente als Hilfsmittel bei der angestrebten mystischen Vereinigung mit Gott. Mit ihr begleiteten die Mönche auch die im Mittelpunkt ihres kultischen Rituals stehenden ekstatischen Drehtänze.

Die Militärmusik
Besondere Berühmtheit erlangte die türkische Militär- oder Janitscharenmusik (mehter). Eine eigene Feldkapelle aus Janitscharen (mehterhane) begleitete das Heer auf seinen Kriegszügen. Mit feierlich-temperamentvollen, an Marschmusik erinnernden Klängen, spielte das Ensemble während der Kampfhandlungen auf. So sollten die eigenen Soldaten ermutigt und in Kampfstimmung versetzt und zugleich die Feinde eingeschüchtert werden.

Im 17. Jh. gab es sechs Instrumentalabteilungen (kat) im "mehterhane", von denen jede mit neun Musikanten besetzt war. Die gesamte Kapelle bestand demnach aus mindestens 54 Spielern, nicht selten waren es jedoch mehrere hundert. Kennzeichnend für die Musik war eine spezielle Instrumentierung, die sich durch die Verbindung von Melodie- und Rhythmus- bzw. Schlaginstrumenten auszeichnete. Holz- und Blechblasinstrumente, vor allem Oboen (zurna) und Trompeten (boru), seltener auch Hörner (nefir), spielten die durchdringende Melodie. Diese war stets einstimmig mit einfacheren, sich wiederholenden Harmoniefolgen nach osmanischen Tonsystemen und wurde von den Rhythmusinstrumenten, welche den Takt vorgaben, untermalt. Das Dröhnen der großen Trommel (davul) begleitete sie, ebenso die kleineren Doppelpauken (nakkare) und Becken (zil). Dazu kam die Große Pauke (kös), die nur der Sultanskapelle zustand. Rätselhaft bleibt ein weiteres "çağana" genanntes Instrument. Die ältere Forschung identifizierte damit den Schellenbaum. Doch dieser trat in der osmanischen Militärmusik erst im 18. Jh., während der Armeereformen nach westlichem Vorbild in Erscheinung. Wahrscheinlich handelte es sich dabei sogar um ein aus Europa stammendes Instrument. Unter den im Zusammenhang mit der "mehter"-Musik erwähnten "çağana" sind möglicherweise Rasseln, Klappern oder Schellen aus Holz oder Metall in Form von Kastagnetten oder Zimbeln zu verstehen.

Beim Angriff marschierten und ritten die Musiker oft an vorderster Front auf prächtig geschmückten Pferden hinter den Fahnen. Die Trommel- und Paukenspieler saßen auf Kamelen, die weniger schreckhaft waren und konnten daher besonders lautstark musizieren. Das Verstummen der Musik in der Schlacht war das Signal zum Abbruch des Kampfes angesichts einer drohenden Niederlage. Auch bei lange währenden Belagerungen von Städten demoralisierte das Tag und Nacht andauernde Spiel die eingeschlossene Bevölkerung. Die Janitscharenmusik war von ungeheurer Wirkung auf die europäischen Zeitgenossen, denn diese berichteten, die Klänge ließen Himmel und Erde erbeben.

In Friedenszeiten war das "mehterhane" gleichsam die Freiluftkapelle des Sultans. Es spielte täglich zum traditionellen Mittags-, gelegentlich auch zum Morgen- und Abendgebet im Sultanspalast und von den Türmen Istanbuls. In diesem, ins 13. Jh. zurückgehende Spiel zu Gebetszeiten (nevbet), scheint auch der Ursprung der Janitscharenkapelle zu liegen. Daneben führten die Janitscharenmusiker spezielle Stücke bei Staatsempfängen und großen offiziellen Festen, z.B. Thronbesteigungen, auf. Ebenso musizierten sie beim Auszug des Heeres und bei der Verkündigung von Siegesnachrichten. Beim Auftritt der Janitscharenkapelle bildeten die Musiker einen Kreis, in dessen Mitte sich zwei “Kapellmeister“, ein Oboist und ein "çagana"-Spieler, gegenüber standen. Die jahrhundertealte Tradition der Janitscharenmusik und die "mehterhane"-Kapelle fand 1826 ein abruptes Ende mit der Vernichtung des Janitscharenkorps.

Nur wenige Kompositionen der osmanischen Militärmusik sind uns heute erhalten. Man kennt allerdings Notenhandschriften von zwei der bedeutendsten Komponisten, von Ali Ufki’ (Wojciech Bobowsky) (1610-1675), und Kantemiroğlu (Demetrius Cantemir) (1673-1712). Beide hatten einen abenteuerlichen Lebenslauf. Während der eine ein polnischer Kirchenmusiker war, der als Sklave an den osmanischen Hof verkauft wurde und dort 18 Jahre lang als Musiker und Komponist lebte, wurde der andere als rumänischer Prinz geboren und kam als Geisel an den Hof des Sultans, wo er zu einem herausragenden Komponisten heranwuchs.

Die Volksmusik
Wieder anderen Charakter als die genannten Musikrichtungen besaß die türkische Volksmusik. Ihre Traditionen sind bis heute lebendig, obwohl kaum Niederschriften aus osmanischer Zeit existieren. Die Folklore war von größerer Vielfalt als die Melodien der Kunstmusik. In den Dörfern sang man Volkslieder (koşma, türkü, mani), meist Liebeslieder oder melancholische Balladen (uzun hava) von eher langsam-getragenem Rhythmus. Lebendige, rhythmische Lieder wurden bei besonderen Anlässen vorgetragen, z.B. bei Hochzeiten und Festen. Nicht selten traten fahrende Sänger (aşik) auf, von denen einige (z.B. Karacaoglan) große Berühmtheit erlangten. Sie begleiteten sich selbst auf der Langhalslaute (saz, bağlama ), einem sehr typischen Instrument. Zu Volkstänzen spielte man mit Oboe oder verschiedenen Flöten, etwa der Hirtenflöte (ney) oder der Kernspaltflöte (düdük), und Trommeln auf.

Alla turca - Der Einfluss der türkischen auf die europäische Musik
Nachdem die Europäer während der Türkenkriege mit den Janitscharenkapellen Bekanntschaft gemacht hatten, fiel ihr Urteil über die fremdartigen Klänge Anfang des 17. Jh. noch negativ aus. Der Dichter und Musiker Daniel Speer (1636-1707) meinte, die türkische Musik sei “absurd ... in Instrumenten und Thon“, “gantz unordentlich bestellt“ und ohne jede “Lieblichkeit“.

Dennoch übte die osmanische Musik im 18. Jh. großen Einfluss auf die europäische Musikwelt aus, insbesondere auf die Weiterentwicklung der Militär- und Marschmusik. Deren Instrumentierung glich man an türkische Vorbilder an, etwa durch Verstärkung der Blechbläser. Die wichtigste Neuerung bestand darin, dass man die von jeher üblichen Blasinstrumente nun um Rhythmus- und Schlaginstrumente, z.B. Trommeln, Pauken, Becken und Triangeln, ergänzte. Diese gaben nun beim Marschieren Rhythmus und Takt vor. Wahrscheinlich eine europäische Erfindung des 18. Jh. war der Schellenbaum, eines der wichtigsten Instrumente der Militärmusik. Neusten musikwissenschaftlichen Theorien zufolge, ließen sich die Europäer dabei von den Hoheitszeichen, welche im osmanischen Heer mitgeführt wurden - z.B. dem Rossschweif (tuğ) und anderen als typisch empfundenen Emblemen wie Zelt- oder Stangenaufsätzen mit Halbmond oder Standarten -, inspirieren und kombinierten diese Elemente mit kleinen Schellen und Glöckchen aus Metall.

Diese neue, als "türkische" bezeichnete Militärmusik mit ihrem "durchschlagenden tact" beschrieben die Zeitgenossen wie der Musiker Daniel Schubart (1739-1791) als von phänomenaler Wirkung. Die Begeisterung für diese Musikrichtung ging so weit, dass einige Fürsten Europas eigene Janitscharenkapellen aufstellten. Gelegentlich wurden solche auch als Geschenk des Sultans - z.B. an August II. von Polen (1670-1733) - übermittelt. Doch meist reichten die europäischen Janitscharenbands, die oft nicht einmal echte türkische Musik spielen konnten, nicht an die Originale heran, wie Schubart mit Bedauern feststellten musste.

Auch in der Kunstmusik, vor allem in der sog. Wiener Klassik, war es Ende des 17. Jh. und im 18. Jh. modern „alla turca“ zu komponieren. Beispiele dafür finden sich bei Franz Joseph Haydn (1732-1809) (Militärsymphonie mit „Janitscharenmusik“), Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) (5. Violinkonzert, Schlusssatz) und Ludwig van Beethoven (1770-1827) („Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria”, op. 91, eingerichtet für „Vollständige türkische Musik“, Symphonie Nr. 9, d-Moll, op. 125, Finale).
Bei der alla turca-Musik integrierte man als typisch türkisch empfundene Instrumente ins Orchester oder ließ sie durch dieses imitieren. Charakteristisch war die Verwendung von Trommeln und Becken, die für besonders lebendige, teilweise auch neue Rhythmen sorgten. Piccoloflöten und Triangeln, die man für türkisch hielt, erzeugten eine exotische Klangfarbe. Diese Kombination konnte durch Oboen, aber auch Fagotte, Klarinetten, Hörner und Trompeten komplettiert werden.

Auch die Komposition ließ sich von musikalischen Motiven oder Elementen inspirieren, die letztlich auf die „mehter“-Musik zurückgingen. Jedoch erschienen diese nicht als direkte Übernahme - von der eigentlich osmanischen Musik gelangten kaum originale Elemente nach Europa -, sondern in einer dem europäischen Geschmack und der Vorstellung, die man von den Türken besaß, entsprechenden Umbildung. So verliehen melodische Turkismen - Übergänge von Dur nach Moll und umgekehrt, häufige Wiederholungen kurzer einstimmiger Melodiefolgen sowie zahlreiche Modulationen, Triller, Sechzehntelfigurationen und Arpeggien - der Musik nach Ansicht der Zeitgenossen ein türkisches Kolorit. Als türkisch wurde auch ein stark akzentuierter Rhythmus sowie ein abrupter Wechsel der Lautstärke empfunden.

Auch war es üblich, die Handlungen zahlreicher Opern und Singspiele ins türkische Milieu zu verlegen. Die zweifellos bekannteste Türkenoper, Mozarts „Entführung aus dem Serail“, markierte mit der Ouvertüre und dem Janitscharenchor den Gipfel der musikalischen Türkenmode. Auf solche „Janitscharenmusik“ griff man vor allem zurück, wenn Exotisch-Orientalisches, Kriegerisch-Martialisches oder ekstatischer Überschwang zum Ausdruck gebracht werden sollten.

Bearbeitungen „für türkische Musik“ entstanden ebenso in der reinen Instrumentalmusik, vor allem der Klaviermusik (z.B. Mozarts Klaviersonate A-Dur KV 331, 3. Satz, Allegretto alla turca). Um die Wende zum 19. Jh. wurden Klaviere sogar mit einem sog. Janitscharenzug, einem Pedal für „türkische Musik“, ausgestattet, mit dem man eine eingebaute Triangel, Becken oder Trommel bedienen konnte.
Musizierende Damen/Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul

Levni, osmanische Miniaturmalerei, Aquarell auf Papier mit Gold, Anfang 18. Jh. Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul (Inv. 2164/17)
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Die Janitscharen - Eliteeinheit im osmanischen Heer
Turquerie, Turkomanie, "alla turca" - Die Türkenmoden Europas
Das Topkapi Serail - Der Palast des Großherrn
Themenreisen:
Die Macht der Töne und Worte
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Hinterlassenschaft
Kriegerisch und exzentrisch zu Lebzeiten, waren die Janitscharen sicherlich keine Schöngeister, sondern eher unangenehme Zeitgenossen. Und trotzdem verdankt ihnen das Abendland ein noch heute lebendiges musikalisches Erbe: Ihre ungewöhnliche Musik, die Eingang in die europäische Kunstmusik fand, hinterließ sogar Spuren in den Werken Mozarts, Beethovens und anderer berühmter Komponisten.

 

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