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Die Janitscharen - Eliteeinheit im osmanischen Heer
Die Janitscharen - die “Neue Truppe“ des Sultans
Die Gründung des Regiments der Janitscharen (osm.-türk. yeni çeri, neue Truppe), erfolgte wahrscheinlich im 14. Jh. durch Sultan Murat I. (reg. 1360-1389). Anfänglich fungierten die Janitscharen als Leibgarde des Großherrn, doch schon früh wurden sie in die Infanterie des osmanischen Heeres integriert. Sie bildeten die Eliteeinheit der Pfortentruppen und unterstanden dem direkten Befehl des Sultans. Manche dienten auch als Festungstruppen in der Provinz. In Friedenszeiten war das fest besoldete Korps für den Schutz des Padischahs und des Hofes verantwortlich und nahm auch polizeiliche Aufgaben innerhalb Istanbuls wahr. In der Schlacht kämpften die Janitscharen - oft kriegsentscheidend - in unmittelbarem Umkreis des Herrschers im Zentrum des Heeres.

Eine Besonderheit stellte das Aushebungsverfahren der Truppe dar. Seit 1438 wurden die Janitscharen durch die sog. Knabenlese (devşirme) rekrutiert. Daher setzte sich die Einheit aus Christenknaben zusammen, die aus den europäischen Gebieten des Reiches stammten. In früher Kindheit waren sie ihren Eltern weggenommen, türkisch erzogen und islamisiert worden. Sodann hatte man ihnen in den Militärschulen des Staates eine hervorragende Ausbildung angedeihen lassen.

Die Gardeinfanteristen waren exzellente Krieger, unerschrockene und leidenschaftliche Kämpfer für Staat und Sultan und wirksames Machtinstrument in den Händen des Großherrn. Ohne religiöse, familiäre oder kulturelle Bindungen, waren die Janitscharen dem Sultan in absolutem Gehorsam und unbedingter Treue ergeben. So entwickelten sie ein elitäres Selbstverständnis, das sich durch fanatische Hingabe an ihren Dienst auszeichnete. Sie waren berühmt für ihren Kampfesmut, ihre Tapferkeit und lebensverachtende Tollkühnheit. Keine europäische Truppe reichte an ihre Kampfkraft heran. Die disziplinierten Janitscharen galten lange Zeit als nahezu unbesiegbar. Schon ihr Schlachtruf “allahu akbar“ (arab. Gott ist groß) erfüllte die abendländischen Heere mit Schrecken. Verstärkt wurde das Entsetzen der Feinde noch durch die für Europäer fremdartigen Klänge der Janitscharenkapellen, die die Kampfhandlungen begleiteten.

Mit ihren typischen Waffen, den gefürchteten Yatağanen, konnten die Janitscharen ihren Feinden mit einem Schlag den Kopf abtrennen. Auf die abgeschlagenen Köpfe von Gegnern waren Prämien, Geschenke und Ehrungen ausgesetzt. Für drei derartige Trophäen wurden die Kämpfer zudem mit einem silbernen Abzeichen in Federform (tschelenk) ausgezeichnet, das an Mütze oder Turban geheftet wurde.

Korpsgeist und elitäres Selbstverständnis
Die Janitscharen gehörten zu den Militärsklaven des Sultans (kul). Als solche waren sie aber nicht rechtlose Leibeigene, sondern standen in einem engen und fest geregelten, gar privilegierten Dienstverhältnis zum Großherrn, das ihnen Sold, Verpflegung, Altersrente, Steuerfreiheit und weitere Vorzüge gewährte. Im Gegensatz zu den anderen Truppen lebten sie, um immer einsatzbereit zu sein, während des ganzen Jahres in Istanbul in eigenen Kasernen. Ihr Lebensstil war einem strengen Reglement unterworfen, der Tagesablauf von harter Zucht geprägt. Während ihrer Dienstjahre durften sie nicht heiraten, und Sexualität war ihnen ebenso verboten wie Kontakte zur Bevölkerung. Sie wurden zu Bedürfnislosigkeit und Entsagung erzogen, um den auf sie zukommenden Aufgaben im Krieg besser gewachsen zu sein. Um diese Lebensumstände zu kompensieren, wandten sich zahlreiche Angehörige der Truppe der Religion, insbesondere dem Sufismus, einer asketisch-mystischen Richtung des Islam, zu. Daher bestand eine besonders enge Verbindung zu den Derwischorden (darwiš, pers. Bettler), vor allem zu dem nach Hadschi Bektaş, einem Mystiker des 14. Jh., benannten Orden der Bektaşi-Derwische. Die Mitglieder dieser religiösen Bruderschaften strebten nach geistig-mystischer Vereinigung mit Gott durch Gebet, Meditation und Askese sowie nach einer entsprechenden Lebensform.

"Hundewächter" und "Suppenverteiler" - Die Janitscharenoffiziere
Das Kommando über die Truppe besaß der Janitscharenağa (yeniçeri ağası), ein hochrangiger Militärbeamter, der unmittelbar dem Sultan unterstand. Sein Vertreter, eine Art Generalstabchef, war der "segban başı" (oberster aller Hundewärter). Auch die übrigen drei Generalleutnante führten altertümliche Namen, die sich von ehemals traditionellen Aufgabenbereichen der großherrlichen Leibgarde, welche den Sultan auch zur Jagd begleitete, herleiteten: "sağardşi başı" (oberster aller Spürhundwärter), "samsundşi başı" (oberster aller Doggenwärter) und "turnadşi başı" (oberster aller Kranichwärter). Das Korps der Janitscharen (ocak, osm.-türk. Herd, Feuerstelle) bestand aus drei Divisionen, die in insgesamt 196 Kompanien (orta) unterteilt waren. Ihre Stärke schwankte zwischen 200 und 400 Mann. Die einzelnen Orta wiederum waren durchnummeriert und zu Bataillonen unterschiedlicher Größe zusammengeschlossen: die ersten 62 waren das Bataillon
"bölük" (Hafen, Rotte), die folgenden 33 die "segban" (Hundewächter) und die letzten 100 Orta bildeten die "cemaat" (Gruppe, Versammlung). Spezialtruppen waren die 56. Orta, die Wachkompanie des Janitscharenağa, und die 60. bis 63. Orta. Bei diesen handelte es sich um die "solaks", die Leibgarde des großherrlichen Hofes. Auf dem rechten Arm sollen die Janitscharen eine Tätowierung getragen haben, aus der ihr jeweiliges Regiment ersichtlich war. Außerdem besaßen die einzelnen Einheiten Abzeichen und Embleme, vielfach in Form von Fahnen.

Die sich in jeder Orta wiederholenden Dienstränge der Offiziere trugen Namen aus dem Küchenbereich, z.B. "çorbaci başı" (oberster Suppenverteiler) für den Oberkommandierenden einer Orta, für die nachfolgenden Militärs "aşçi başı" (oberster der Köche), "sakka başı" (oberster der Wasserträger) oder "bas kara kullukçu" (oberster der Küchenjungen). Die seltsamen Rangbezeichnungen verwiesen auf die Pflichten der Hordenanführer in der Frühzeit der Osmanen. Damals war vor allem die Aufsicht über die Lebensmittelverteilung unter den Männern ein schwieriges und verantwortungsvolles Amt. Außerdem besaß im archaischen Haushalt der Ernährer aufgrund seiner Position gewisse Rechte gegenüber den Sippenmitgliedern; diese waren ihm zu Gehorsam verpflichtet, ebenso wie die Janitscharen ihren Vorgesetzten.

Die Hauptmahlzeit der Janitscharen soll eine Art Fleisch- und Gemüseeintopf gewesen sein. Daher galt der Suppenkessel bzw. der große Kupferkessel als ihr Wahrzeichen. Bei festlichen oder öffentlichen Anlässen, wie der Soldauszahlung, führte der Regimentsoberst, der "çorbacı" (Suppenbereiter), als Symbol der Truppe und Rangabzeichen einen gewaltigen Schöpflöffel mit sich.

Zur Ausgabe der Mahlzeiten wurden die Kessel der einzelnen Regimenter von den Küchen des Serails, wo das Essen zubereitet wurde, in die Kasernen gebracht. Es war ein schlechtes Zeichen, wenn sich die Janitscharen weigerten, ihre Mahlzeit zu essen. Sie signalisierten damit Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen. Stürzten sie den Kessel um, so bedeutete das sogar den Aufstand der Truppe.

Die Stärke des Janitscharenkorps stieg von etwa 1 000 (um 1360) auf 20-30 000 Mann zu Beginn, auf ca. 100 000 gegen Ende des 17. Jh. an. In der Spätzeit des Osmanischen Reiches, im 18. und 19. Jh., wuchs die Einheit sogar auf 140 000 Mann an.

Der Verfall von Kampfmoral und Schlagkraft
Eine Lockerung der Vorschriften in Bezug auf die Janitscharen verursachte ab dem späteren 16. Jh. einen allgemeinen Verfall von Disziplin, Kampfmoral und Schlagkraft der Truppe. Das Zölibat wurde nicht mehr eingehalten und viele Janitscharen wohnten außerhalb der Kaserne und vernachlässigten ihre Übungen. Außerdem wurde um 1650 die Institution der Knabenlese abgeschafft und der Besuch der Militärschulen, wo die Rekruten eine harte Ausbildung absolvieren mussten, war nicht mehr obligat. Die Einheit setzte sich nun aus Söhnen der Truppenangehörigen zusammen sowie aus Personen, die sich die Aufnahme in die Elitetruppe erkauften und für den militärischen Dienst denkbar ungeeignet waren. Zudem hatten die Janitscharen nie gelernt, ihre Kampfweise den taktischen und waffentechnischen Veränderungen der Neuzeit anzupassen und konnten sich gegenüber den europäischen Heeren nur mit Mühe behaupten. So verloren sie während des 17. und 18. Jh. nach und nach ihre Kampfkraft auf dem Schlachtfeld.

Auch ihre Motivation büßten sie ein. Aus ihrer Loyalität gegenüber dem Sultan wurde Anmaßung und Herrschsucht. Vermehrt trachteten sie selbst nach politischer Einflussnahme. Nicht nur dass sie die Machthaber und den Staat, der zunehmend an politischen und wirtschaftlichen Desintegrationserscheinungen litt, tyrannisierten. Die Janitscharen wurden zu einem eigenständigen Machtfaktor. Während sich die Sultane in den Serail zurückzogen, verstrickte sich das Korps im Kampf um die Herrschaft in Intrigen mit den Wesiren und den Haremsdamen und zettelte sogar Aufstände gegen die Staatsmacht an. Der Janitscharenağa avancierte zu einer der mächtigsten Persönlichkeiten im Reich. Zahlreich waren die blutigen Janitscharenaufstände, nicht selten trat die Truppe als “Königsmacher“ auf, inthronisierte die Sultane, setzte sie ab oder ermordeten sie. 1648 rissen die Janitscharen sogar für drei Jahre die Macht an.

Die Vernichtung des Janitscharenkorps
Um seine traditionellen Privilegien zu wahren, boykottierte das Korps im 18. und 19. Jh. konsequent jeden Versuch militärischer oder politischer Reformen. Es hatte sich zu einem extrem konservativen Element entwickelt. Als die Einheit angesichts der Umstrukturierungsmaßnahmen Sultan Mahmuts II. (reg. 1808-1839) im Jahre 1826 zum wiederholten Male revoltierte, griff die Pforte zu rigorosen Maßnahmen. Auf Befehl des Padischahs wurden etwa 10 000 Janitscharen niedergeschossen oder verbrannten in ihren Quartieren. So war die Truppe teilweise vernichtet und wurde schließlich durch ein Rechtsgutachten (fetva) offiziell abgeschafft.
Bankett für die Janitscharen/Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul

Levni, osmanische Miniaturmalerei, aus dem "Surname-ı Vehbi" (fol. 22b). Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul
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Exponate:
Steinschlossflinte
Pauke
Handpauken
Löffel
Löffel
Dolchmesser mit Scheide
Yatağan
Panzerhemd und Panzerkragen
Säbel
Personen:
Murat I.
Themen:
Das Heerwesen der Osmanen
Die "Knabenlese" - Rekrutierung der Begabtesten
Der Türkenkrieg Mehmets IV. gegen Leopold I. Ende des 17. Jh. (1683-1699)
Die Musik der Osmanen
Die Ausrüstung der osmanischen Armee
Die Schlacht von Slankamen
Themenreisen:
Tapferkeit und Disziplin
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Quellen
Experteninfo

Mit oder ohne Löffel?
Trugen die Janitscharen, deren Offiziere "Suppenverteiler" und deren Division "Herdstelle" hieß, Löffel in der Federhülse ihrer "keçe" mit sich oder nicht? Und wenn ja, dienten diese praktischen Zwecken, oder hatten sie symbolischen oder dekorativen Wert? Und wenn nein, sind die schön bemalten Löffel, welche zur Türkenbeute gehören, wirklich Essgeschirr?

 

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