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Die "Knabenlese" - Rekrutierung der Begabtesten
Die \"devşirme\" - Ursprung und Durchführung
Die sog. Knabenlese (devşirme, osm.-türk. sammeln ) war der von den Osmanen gepflegte Brauch, die männlichen Kinder der christlichen Untertanen aus unterworfenen und dem Reich einverleibten Gebieten, für den Dienst in Staat und Armee zu rekrutieren. Die Idee soll vom Ende des 14. Jh. lebenden Kadıasker Chair ed-din Chalil stammen. Wahrscheinlich wurde die erste Knabenaushebung während der Regierungszeit Sultan Murats I. (reg. 1360-1389) vorgenommen, Sultan Selim I. (reg. 1512-1520) erhob die \"devşirme\" zum Gesetz.

Der Ursprung dieser Praxis, die mit Krieg und Eroberung zusammenzuhängen scheint, ist nicht hinreichend geklärt. Zum “Lohn“ des Siegers gehörte der Anspruch auf Tributleistungen, welche die Besiegten zu erbringen hatten, sowie das Recht auf Beute, einschließlich der Kriegsgefangenen. Dem Sultan standen traditionell 1/5 aller Kriegsgefangenen zu (pencik). Da die ersten Eroberungen des Osmanenreiches die Territorien des christlichen Balkans waren, mag sich die Sitte herausgebildet haben, auch später die Kinder der Christen als Tribut oder Beute einzufordern.

Etwa jedes fünfte Jahr, später sogar jährlich, reisten osmanische Beamte durch die europäischen Reichsteile um die Knabenlese durchzuführen. Unter Aufsicht des Provinzgouverneurs und im Beisein eines Schreibers sowie eines Richters (kadi) suchten sie die schönsten, stärksten und begabtesten Jungen im Alter zwischen etwa 8 und 15 Jahren aus. Diese durften nicht Waise, einziger Sohn oder verheiratet sein und auch keinen schlechten Lebenswandel geführt haben. Schätzungsweise 10 000 Jungen wurden auf diese Weise mit jeder Knabenlese ihrer Familie entrissen, die in Verzweiflung zurückblieb. Versuchten die Eltern, ihre Kinder zu verstecken oder verweigerten sie die Herausgabe, wurden sie hart bestraft, gelegentlich sogar mit sofortiger Hinrichtung.

Die Ausbildung der zukünftigen Elite
Die Knaben brachte man nach Istanbul, wo sie das islamische Glaubensbekenntnis ablegen mussten und beschnitten wurden. Die meisten von ihnen teilte man anatolischen Bauernfamilien zu, in denen sie zunächst als Sklaven arbeiteten. Somit stand die Knabenlese in gewissem Widerspruch zum Religionsgesetz des Islam, das die Versklavung der Bewohner eines islamischen Staates, auch der christlichen “Schutzbefohlenen“ (zimmi) untersagte. In dieser Zeit lernten die Kinder von ihren Ziehfamilien die türkische Sprache sowie islamische Traditionen und Lebensgewohnheiten. Selbstverständlich wurden sie im muslimischen Glauben erzogen. Somit waren sie ihren ethnischen, kulturellen und religiösen Ursprüngen völlig entfremdet.

Nach drei bis fünf Jahren kamen die jungen Männer in die Hauptstadt zurück um zunächst als Rekruten im Janitscharenkorps (acemi ocağı, içoğlan) eine militärische Ausbildung zu absolvieren. Die Aufnahme in die Reihen der Janitscharen oder anderer Pfortentruppen erfolgte etwa mit dem 20. Lebensjahr und bedeutete die Entlassung aus dem rechtlosen Sklavenstand (köle, abd-imemluk). Sie waren nun zu sog. Staats- oder Militärsklaven (kul) aufgestiegen. Diese waren keine Sklaven im eigentlichen Sinn, nicht Leibeigene ihrer Herren, sondern standen zu diesen in einem engen Dienstverhältnis. Sie besaßen gesetzlich geregelte Rechte - wie Sold, Verpflegung, Altersversorgung - und Pflichten und sogar zahlreiche Privilegien, etwa Steuerfreiheit.

Die talentiertesten Jungen schickte man nicht zur Landbevölkerung und anschließend in die Militärschule. Sie durften von Kindheit an in einer der großherrlichen Residenzen (Istanbul, Edirne, Bursa) die Palastschulen besuchen. Dort genossen sie eine hervorragende Erziehung und Ausbildung. Sie lernten Theologie, Koranlehre, Literatur, Sprachen und Rechtslehre, aber auch Militärwissenschaften und Waffenkunde. Ebenso wurden sie in den schönen Künsten, in Kalligrafie, Buchmalerei oder Musik unterrichtet. Auch körperliche Ertüchtigung (z.B. Reiten) und der Umgang mit Waffen (z.B. Bogenschießen) wurden groß geschrieben. Wichtige Werte waren Disziplin und absoluter Gehorsam gegenüber dem Sultan, der seine Schützlinge gelegentlich besuchte.

Die Besten stiegen in den unmittelbaren Umkreis des Padischahs auf. Sie waren bis zum Alter von 25-35 Jahren als großherrliche Pagen, als “Kinder des Inneren“ (gilmanan-ı enderun, ic oğlan) im Kämmererdienst des Sultans tätig. Sie begleiteten ihn als sein engstes Gefolge, und einige von ihnen bildeten die bewaffnete Leibgarde. Nach dem Ausscheiden aus dem Inneren Dienst des Serail machten die meisten der "devşirme"-Männer Karriere: Sie schlugen die militärische Laufbahn ein oder übernahmen einen Posten in der Staatsverwaltung. Viele von ihnen stiegen zu den höchsten Ämtern des Staates auf. Die namhaftesten Würdenträger und die überwiegende Mehrzahl der Großwesire kamen aus der Knabenlese.

Im Osmanischen Reich gebieten die Fremdlinge
So war das Ergebnis der Knabenlese eine hochgebildete Elite. Deren Angehörige waren zwar von christlicher Abstammung und kamen aus den europäischen Reichsteilen, hatten jedoch eine Umerziehung zu türkisch sprechenden Muslimen erfahren. Den Verlust der Bindung an Herkunft und Familie kompensierten sie durch den hingebungsvollen Dienst am Sultan in absolutem Gehorsam.

Dies war der Vorteil, den die Großherrn aus diesem System zogen. Mit der \"devşirme\" zog sich der Staat aus den Begabtesten des Reiches seine eigenen Funktionäre für den Beamten- und Militärdienst heran. Die Würdenträger aus der Knabenlese waren Selfmademen, die dem Padischah, der die höchsten Machtpositionen nach Leistung und Eignung vergab, ihre Karriere und ihren gesamten Besitz verdankten. Motivation für ihr Handeln waren weder familiäre Verpflichtungen noch machtpolitische oder finanzielle Eigeninteressen, die dem Staat entgegenstehen konnten. Im Gegenteil, ihre Ziele und Ambitionen verwirklichten sie mit dem Einsatz für Sultan und Staat. Daher waren sie dem Herrscher in bedingungsloser Loyalität ergeben.

Die ehemaligen "devşirme"-Leute waren nominell gesehen weiterhin Staatssklaven (kul) des Sultans. De facto entsprach ihr Status dem eines Freigelassenen, der in einem engen Treue- und Abhängigkeitsverhältnis zum Herrscher stand. Dies galt als Privileg und war die Voraussetzung für Macht und Reichtum, sogar für die Zugehörigkeit zur großherrlichen Familie. Denn nicht selten verheiratete der Sultan seine Getreuen mit seinen Schwestern, Töchtern oder Haremsdamen.

Bereits im 15. Jh. hatten die Männer aus der Knabenlese die alteingesessenen, privilegierten Familien türkischer Herkunft in der Führungsschicht verdrängt. Die Institution der Knabenlese bedeutete also für die Beteiligten nicht nur Härte und Entwurzelung, sondern den sozialen Aufstieg zur herrschenden Schicht eines Weltreiches. Dass die Zeitgenossen dies anerkannten, beweist die Forderung der nach der Eroberung zum Islam konvertierten Bosnier, die darauf bestanden, dass die Knabenlese auch weiterhin bei ihnen stattfand. Nicht selten versuchten sogar osmanische Familien, ihren Söhnen diese Karrieremöglichkeit zu eröffnen, indem sie sie in die Knabenlese einschmuggelten.

Das Ende der Knabenlese und seine Folgen
In den allgemeinen Krisenzeiten im 17. Jh. führte der Staat die Knabenlese nicht mehr konsequent durch, und schaffte sie Ende des 17. Jh. sogar gänzlich ab. Auch die Palastschulen, die Kaderschmieden für die Staatsbeamten, wurden 1675 aufgelöst. Somit hatte der Staat sein Reservoir aus hochgebildeten und intelligenten Funktionären verloren. Nun gelangten die Söhne hoher Beamter oder reicher Familien aufgrund ihrer Abkunft oder gar aufgrund von Bestechung in die höchsten Positionen der Staats- und Militärführung. So wurde durch minderqualifizierte Amtsinhaber, die keine entsprechende Ausbildung mehr erfahren hatten, der beginnende Niedergang des Staates beschleunigt.
Sultan Mehmet I. mit seinen Würdenträgern/Istanbul Üniversitesi Rektörlügü, Istanbul

Osmanische Miniaturmalerei. Istanbul Üniversitesi Rektörlügü, Istanbul (Inv. T 5970, fol 264v)
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Personen:
Murat I.
Themen:
Staatswesen und Verwaltung im Osmanischen Reich
Der Islam - Weltreligion Muhammads
Das Timar-System - Eigentum und Grundbesitz bei den Osmanen
Die Janitscharen - Eliteeinheit im osmanischen Heer
Die osmanische Gesellschaft
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Quellen
Experteninfo

Der einsame Weg zur Macht
Die Elite bezahlte ihre Zugehörigkeit zur Führungsschicht mit dem Verlust all ihrer Bindungen, an Familie, Heimatland und Herkunft, Kultur und Religion und widmete sich statt dessen mit ganzem Herzen Reich und Großherrn.

 

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