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Die osmanische Gesellschaft
Völker, Kulturen und Religionen im Osmanischen Reich
Das Osmanische Reich des 16.-17. Jh. war ein Vielvölkerstaat, der sich über zahlreiche Länder und Teile dreier Kontinente - Europa, Asien und Afrika - erstreckte. In diesem lebten 30-35 Mio. Menschen unterschiedlicher Volkszugehörigkeit und Sprache, die ihre regionalen Kulturen pflegten. Die Mehrheit des Staatsvolkes bildeten die Türken, das osmanische Türkisch war die offizielle Sprache.

Auch hinsichtlich der Religion war die Bevölkerung heterogen. Der Sultan selbst und ebenso der Großteil der Einwohner bekannten sich zum sunnitischen Islam. Dieser war auch der staatstragende Glaube, das osmanische Imperium war ein islamisches Großreich. Überwogen in den asiatischen Reichsteilen türkische, arabische oder kurdische Muslime, bekannten sich die Bewohner der europäischen Provinzen, vor allem die Balkanvölker sowohl zum Islam - so in Thrakien, Makedonien, Bulgarien, Bosnien, Albanien - als auch zum orthodoxen Christentum - z.B. in Dalmatien, Ungarn, Siebenbürgen. Bei den im Osmanischen Reich lebenden Juden handelte es sich meist um Auswanderer aus Europa, die vor den Verfolgungen in ihren Ländern geflohen waren.

Der osmanische Staat hatte nie versucht, Andersgläubige zu islamisieren. Vorausgesetzt ihre Lebensführung widersprach nicht den Gepflogenheiten des Islam, konnten Nichtmuslime unter osmanischer Herrschaft weitgehend unbehelligt und diskriminierungsfei leben. Juden und Christen wurden sogar gemäß dem Religionsgesetz als “Schutzgenossen“ des Staates (zimmi) angesehen. Allerdings verlangte der Staat von ihnen eine Sondersteuer (cizye) in Form einer Kopfsteuer auf alle arbeitsfähigen Männer, dafür wurden sie jedoch nicht zum Kriegsdienst herangezogen. Die Nichtmuslime waren in Religionsgemeinschaften (millets) zusammengeschlossen, die eine gewisse religiöse und kulturelle Autonomie besaßen. Sie durften sich ein Oberhaupt wählen und viele innere Angelegenheiten selbst entscheiden.

Die Oberschicht im Osmanischen Reich
Die osmanische Gesellschaft gliederte sich in zwei Klassen: die von Steuern befreiten Personen (beraya) und die Klasse der steuer- und abgabepflichtigen Untertanen (raya, re’aya, osm.-türk. Herde, Beaufsichtigte). Zur privilegierten Oberschicht gehörten - abgesehen vom Padischah und seiner Familie - die Angehörigen der staatlichen und religiösen Verwaltung (askeri), d.h. die Regierungsmitglieder, die Beamtenschaft, die Religions- (ilmiye) und Rechtsgelehrten (kalemiye, osm.-türk. Leute der Feder) sowie die Militärs (seyfiye, osm.-türk. Leute des Schwertes). Diese “osmanlı“ genannte herrschende Klasse, bildete die politische und militärische Führungsschicht, eine Art Amts- oder Leistungsadel aus Zivil- und Militärbürokraten, die mit dem Sultanshof in enger Verbindung standen.

Innerhalb der herrschenden Klasse gab es eine relativ große Mobilität, denn für eine Karriere waren allein die Verdienste für Staat und Sultan maßgeblich. Da einzig der Großherr über die Vergabe von Machtpositionen entschied, ermöglichten Leistung und Loyalität den sozialen Aufstieg, bei Versagen oder Missbrauch drohten Degradierung und Verlust von Amt und Vermögen. Nationalität und Religionszugehörigkeit waren diesbezüglich ebenso irrelevant wie die familiäre Herkunft. Einen Adel im eigentlichen Sinne, der sich über Standesprivilegien wie Abstammung und Vermögen definierte und in Konkurrenz zum Herrscher eigenständige Interessen verfolgte, gab es im osmanischen Staat nicht.

Die Herausbildung dieser Gesellschaftsstruktur wurde durch die Bodenbesitzverhältnisse begünstigt. Im Osmanischen Reich gehörte fast das gesamte Land dem Staat, in Privatbesitz befanden sich nur sehr wenige Ländereien. Zwar erhielten die Würdenträger und Beamten des Staates für ihre Verdienste Ländereien (tımar, ziamet). Diese waren jedoch nicht ihr Eigentum, sondern lediglich auf Lebenszeit verliehene Pfründe, die nach dem Tod der Inhaber an den Staat zurückfielen.

In der Frühzeit des Reiches bestand die Oberschicht aus türkischen Muslimen alteingesessener Familien, später - nach Einführung der sog. Knabenlese ab dem 14. Jh. - hauptsächlich aus Angehörigen der christlichen Balkanvölker. Die herrschende Schicht war kultiviert und gebildet, denn die Amts- und Würdenträger hatten in der Regel ein Studium an einer islamischen Hochschule (medrese) absolviert, besaßen ein profundes Wissen im Bereich von Theologie, Geschichte, Geographie sowie Sprachkenntnisse. Ihr Ansehen verdeutlichten ehrenvolle Titel, etwa “çelebi“ und “efendi“ für die Geistlichkeit, "pascha", "beğ" oder "ağa" für Wesire, Militärs und Hofbeamte.

Ab dem ausgehenden 16. und vor allem im 17. Jh., dominierten die Vermögenden, der "Geldadel", denen es gelungen war, Kapital aufzuhäufen, den alteingesessenen "Amtsadel". In den Zeiten der inneren Krise, als Geldknappheit und Finanznot die Staatsgewalt schwächten, drangen sie durch Korruption, Ämterkauf und Nepotismus in die Führungsschicht vor. Selbst die höchsten Positionen innerhalb der Staatsführung waren betroffen. Nun gelangten nicht mehr die Fähigsten, sondern die kaufkräftigsten Leute in Amt und Würden und verdrängten die Elite aus der Knabenlese. Ungeübt und unerfahren in Politik und Verwaltung trieben sie das Staatswesen allmählich in den Ruin.

Eine weitere Gruppe innerhalb der osmanischen Gesellschaft waren die Prophetennachkommen (eşraf). Diese verteilten sich auf alle sozialen Schichten und Berufe, waren aber hoch angesehen. Die "seyyit" führten ihre Abstammung auf Husain, die "şerif" auf Hasan zurück. Beide waren Söhne der Prophetentochter Fatima und somit Muhammads Enkel.

Händler, Handwerker und Bauern
Die zweite, die steuerzahlende Klasse, war der Oberschicht untergeordnet und erwirtschaftete deren Lebensunterhalt. Sie bestand vor allem aus Bauern, aber auch aus Handwerkern, Händlern und Kaufleuten. Es gab zwei Arten von Steuern: einerseits die vom Religionsgesetz vorgeschriebenen, z.B. die Kopfsteuer für Nichtmuslime und die Almosensteuer für Muslime (zekat), andererseits die staatlichen Steuern (tekalif-ı divaniye). Einnahmen, die der Fiskus von allen Untertanen eintrieb, waren bestimmte Gebühren (z.B. Erbschafts- und Heiratsgebühr) oder auch Geldstrafen für Vergehen. Die Sondersteuer (avariz) verlangte der Staat zu bestimmten Anlässen, meist in Kriegszeiten. Sie war im 16. Jh. noch die Ausnahme. Ab dem 17. Jh., in Zeiten der inneren Krise und leerer Staatskassen jedoch, wurde sie immer häufiger eingezogen und ständig erhöht. Daneben existierten branchen- und berufsspezifische Abgaben. Steuern waren die wichtigste Einnahmequelle des Staates. Daher war der Aufstieg eines steuerzahlenden Untertanen in die Klasse der steuerfreien Amtsträger kaum möglich.

Die Bauernschaft machte 85 % der Bevölkerung aus, die Landwirtschaft war der wichtigste Produktionszweig der Gesamtwirtschaft. Die Bauern arbeiteten auf den Ländereien der Oberschicht als Kleinpächter. Dieses Pachtverhältnis war erblich, und die Hintersassen durften ihren Heimatort bzw. Bauernhof (çiftlik) nicht eigenständig verlassen. Die bäuerliche Landbevölkerung war jedoch personenrechtlich frei und unterstand nicht der Gerichtsbarkeit der Landbesitzer. Der Staat bemühte sich um erträgliche Lebensverhältnisse für die Bauern, daher waren ihre jährlichen Abgaben und Steuern (resm-ı çift) maßvoll und genau festgesetzt. An die Zentralverwaltung musste der Zehnte in Form von Naturalien, an die Grundbesitzer eine kleine Rente für die Bodennutzung gezahlt werden. Die Größe der Anbaufläche, die die Bauern bewirtschafteten, betrug 60-150 "dönüm", ca. 5,5 - 13,8 ha. Zwar durften sie den Ackerbau nicht aufgeben oder die Anbaumethode ändern, zudem lagen Kosten und Risiko der Produktion bei ihnen. Doch es war ihnen trotzdem möglich, einen Überschuss an Erträgen zu erzeugen und in bescheidenem Wohlstand zu leben.

Die Situation der Bauern änderte sich allerdings grundlegend mit der Auflösung des Timarsystems ab dem ausgehenden 16. Jh. Nachdem die Timarioten ihre Ländereien an die Großgrundbesitzer verloren hatten, waren die Bauern deren Willkür und rücksichtsloser Ausbeutung ausgesetzt. Auch die mit der chronischen Finanznot des Staates zusammenhängende erhöhte Abgabenlast trug im 17. Jh. zur Verelendung der Landbevölkerung bei. Da somit die bäuerlichen Existenzgrundlagen vernichtet wurden, kam es zu einer erheblichen Landflucht, die in soziale Umschichtungen mündete: Die verarmten Bauern strömten in die Städte und fristeten dort ihr Dasein als Bettler und Taglöhner oder schlossen sich vagabundierenden Banden, sogar Aufständischen an.

Auch die nomadische Lebensweise war im Osmanischen Reich anzutreffen. Ein kleiner Teil der Bevölkerung lebte als Nomaden oder Halbnomaden von der Viehzucht.

Gesamtwirtschaftlich gesehen spielten im Vergleich zur Landwirtschaft Handel und Handwerk eine untergeordnete Rolle. Die Händler, Handwerker und Kaufleute waren in den Städten beheimatet. Hier lebten ca. 10-15 % der Bevölkerung des Reiches. Neben der größten Metropole des Imperiums, der Hauptstadt Istanbul mit annähernd 700 000 Einwohnern, waren weitere wichtige Städte die ehemaligen Residenzen Bursa (ca. 65 000) und Edirne (30 000), außerdem Kayseri (ca. 32 000), Ankara (ca. 25 000) und Konya (je ca. 13-15 000), ferner die Balkanstädte Sarajevo, Edirne und Saloniki. Sämtliche Gewerbetreibenden waren in Zünften, Interessensvertretungen der einzelnen Berufsgruppen mit je einem weltlichen und einem religiösen Oberhaupt, zusammengeschlossen. Es gab zahlreiche, wahrscheinlich über 1000 Handwerkervereinigungen, denn selbst die kleinsten Branchen waren derart organisiert.

Das Geschäftsleben konzentrierte sich in den Basaren mit ihren Läden und Werkstätten, Banken und Handelsbörsen. Die Händler und Handwerker arbeiteten in überdachten Märkten, "bedesten" und \"Han\" genannten Gebäudekomplexen, wo sie ihre Waren anfertigten und auch verkauften. Im großen Basar in Istanbul gab es zwei "bedesten" und mehrere "hane". Insgesamt 67 Straßen, die nach den dort ansässigen Gilden benannt waren, erschlossen den Basar. Hier befanden sich mehrere tausend Läden und Werkstätten. In der ganzen Stadt sollen im 17. Jh. in 23 214 Werkstätten und Läden 79 264 Handwerker tätig gewesen sein. Einzelhändler (esnaf) versorgten den lokalen Markt mit Zunftprodukten, fliegende Händler bzw. Krämer (seyyar) verkauften Produkte des täglichen Bedarfs, wie Lebensmittel oder Kleidung an Passanten. Die Groß- und Fernhändler (tüccar, bezirgan) handelten mit Luxusgütern sowie Importwaren aus fremden Ländern, sogar aus Übersee.

Die wichtigsten Steuern, die die Händler zu zahlen hatten waren Zölle. Auf alle in die Stadt eingeführten Güter wurde die Marktsteuer (bac-ı bazar) erhoben. Daneben musste eine Sondersteuer (damga resmi) auf wertvolle Waren abgeführt werden.

Sklaverei bei den Osmanen
Das Sklavenwesen war weit verbreitet. Die meisten Sklaven (köle, abd-imemluk) gelangten als Kriegsgefangene ins Osmanische Reich. Ihre Arbeitskraft wurde in den unterschiedlichsten Bereichen genutzt, im Handwerk ebenso wie in der Landwirtschaft. Ebenso häufig dienten sie als Rudersklaven auf den Kriegsschiffen. Selbstverständlich besaßen auch der Sultan und die Angehörigen der Oberschicht Sklaven, die als Dienstboten im häuslichen Bereich arbeiteten. Ihr Schicksal war weitgehend vom Charakter ihrer Besitzer abhängig, die sie nicht selten nach Erbringung einer festgesetzten Leistung freiließen. Auch Sklavinnen, die ihrem Herrn ein Kind geboren hatten, das dieser anerkannte, erhielten nach seinem Tode die Freiheit. Da nach islamischem Recht kein Einwohner des Staates, unabhängig von seiner Konfession, versklavt werden durfte, stammten die meisten Sklaven aus dem Ausland, oft handelte es sich um Nichtmuslime aus christlichen Staaten.

Die sog. "kul", die Staats- oder Militärsklaven, zu denen nicht nur die Janitscharen, sondern auch die Paschas aus der Knabenlese, also fast die gesamte Oberschicht, gehörte, waren keine Sklaven im eigentlichen Sinne. Sie standen zwar in einem engen Dienst-, geradezu Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Herren. Jedoch waren sie keine Leibeigenen, sondern hatten Rechte und Pflichten, die gesetzlich geregelt waren. Ihr Status galt als Privileg. Möglicherweise lagen die Ursprünge der "kul" im Beutefünftel (pencik) an Kriegsgefangenen, das dem Sultan zustand.
Prozession der Zünfte/Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul

Levni, osmanische Miniaturmalerei, aus dem "Surname-ı Vehbi" (fol. 73b-74a), um 1720. Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul
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Die "Herde" und ihre Hirten
Zwei Gesellschaftsschichten gab es bei den Osmanen: die steuerpflichtige "Herde" der Untertanen - Händler, Handwerker und Bauern - sowie die sie regierende, privilegierte Schicht der Würdenträger im Staatsdienst, die von Steuern befreit waren.

 

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