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Osmanische Zelte - Mobilität und Repräsentation
Das Zelt, das typische Kennzeichen der nomadischen Lebensform, war nach der Sesshaftwerdung der Osmanen der festen Architektur gewichen. Dennoch nutzte man es noch Jahrhunderte später als mobile Wohneinheit und Unterkunft im Freien.

Das Heerlager der Osmanen
Auf den unzähligen Feldzügen, die der osmanische Staat im Laufe der Jahrhunderte unternahm, war die Armee zum Campieren gezwungen. Das Heerlager zählte, je nach Größe der Streitmacht, tausende oder gar zehntausende von Zelten. Der Lagerplatz wurde unter Berücksichtigung der topographischen Gegebenheiten sorgfältig vom obersten Quartiermeister ausgesucht. Im Zentrum befand sich die Heeresleitung mit den Unterkünften des obersten Heerführers - des Sultans oder Wesirs - und seiner Bediensteten. Die Oberaufsicht über das Auf- und Abschlagen der Sultanszelte führte der Janitscharenağa persönlich. Um diese gruppierten sich die Quartiere der den Feldzug begleitenden Beamten und Würdenträger sowie der Offiziere der Armee. In deren unmittelbarer Nähe befanden sich die Regimentsfahne, die Kriegskasse und das Schafott, sowie die Zelte der Janitscharen. Innerhalb des Heerlagers gab es auch Funktions- und Versorgungsflächen wie Munitions- und Gepäcklager, Ställe usw. In Richtung Peripherie campierten im Zentrum Infanterie- und Kavallerieeinheiten. An den Flügeln waren die Zelte der Artillerie aufgeschlagen und ebenso die der Kanoniere neben ihren Geschützen. Am äußersten Rand stellten die Kavalleristen der Provinzen, die Sipahis, ihre Unterkünfte auf.

Jedes Zelt wurde von einer "oda", einer Zeltgenossenschaft bewohnt, die aus zehn bis zwölf Mann, einem Packpferd mit der Habe der Soldaten und einem Kochkessel bestand und zugleich die kleinste militärische Einheit in dem in verschiedene Truppengattungen und Abteilungen untergliederten osmanischen Heer darstellte. Die Quartiere der Mannschaften und Befehlshaber waren mit den Abzeichen ihrer Truppengattungen geschmückt. Der italienische Militär Graf Luigi Ferdinando Marsigli (1658-1730), der die osmanische Armee und ihre Ausrüstung intensiv studiert hatte und auch persönlich kannte, bemerkte, die türkischen Zelte seien aufgrund ihrer Qualität - sie galten als äußerst wetterbeständig -, aber auch wegen ihrer Funktionalität - sie waren leicht zu transportieren, schnell aufzurichten und boten ihren Bewohnern ein komfortables Zuhause - den europäischen überlegen. Für Herstellung, Reparatur, Transport und Aufstellung der Militärzelte gab es am Sultanshof eine eigene Abteilung aus Zeltmachern, Zeltdekorateuren und Zeltaufstellern, die Mitte des 17. Jh. etwa 2 000 Mann zählte.

Das Zelt im höfischen Leben
Aus der Tradition des Nomadentums der turkmenischen Völker entwickelte sich im Laufe der Zeit eine regelrechte Zeltkultur. Nicht nur im militärischen Bereich, auch im luxuriösen höfischen Leben war das Zelt ein unverzichtbares Utensil. Anlässlich von oft stunden- oder tagelang sich hinziehenden Festlichkeiten im Freien oder Vergnügungsveranstaltungen wie Jagdausflügen und sportlichen Wettkämpfen, ließen die vornehmen Osmanen große Zeltlager aufschlagen. Diese boten sommers wie winters Schutz vor der Witterung und dienten der verwöhnten Oberschicht als Ruhegelegenheit und Rückzugsstätte für unterwegs. Gegen Ende des 17. Jh. berichtete der "Reiseschriftsteller" Evliya Çelebi (1610-nach 1679), dass in der Stadt Istanbul anlässlich von Feierlichkeiten 5 000-6 000 Zelte aufgestellt wurden. Doch war es weniger die praktische Notwendigkeit, welche die Osmanen dazu veranlasste, vorübergehend auf die alte Wohn- und Lebenstradition zurückzugreifen. Vielmehr scheint sich in der Gewohnheit, zu bestimmten Anlässen unter freiem Himmel zu “campen“, ihre Liebe zum Dasein in und mit der Natur zu äußern.

Die Zeltstadt des Sultans
Darüber hinaus fungierten im Umkreis von Sultan und Hof prunkvolle Zelte als mobile Residenz des Großherrn. Gleichzeitig waren sie wichtiges Instrument der Herrscherrepräsentation. Sobald der Sultan den Palast für längere Zeit verließ, wurde eine prachtvolle Zeltstadt (otağ-ı hümayun, osm.-türk. großherrliche Zelte) für seinen Aufenthalt errichtet. Von hier aus verfolgte er Feierlichkeiten und Zeremonien oder begrüßte Gäste, empfing Würdenträger und fremde Gesandte. Daher gab es mehrere Wohn- und Audienzzelte und sowohl Privat- als auch Staatsquartiere für den Herrscher. Umgeben waren die "otağ" genannten Zelte von Sultan und Großwesir von denen der anderen hohen Würdenträger, Beamten und Bediensteten.

In Position, Größe, Ausstattung und Gestaltung der Zelte dokumentierte sich der soziale Rang der Besitzer. Die Unterkünfte des Großherren waren die größten und prunkvollsten. Im Gegensatz zu den anderen, meist einfarbigen Zelten, waren sie aus bunt gemusterten, kostbaren Seiden-, Samt- und Brokatstoffen, die reich mit textilen Applikationen oder Stickereien dekoriert waren. Diese imitierten häufig architektonische Motive, etwa Säulen in Kombination mit überwölbten Nischen (mihrab). Die Zwischenräume füllten Elemente wie Öllampen, Wassergefäße, Medaillons mit Blumen, Blattranken und Bäumchen. Marsigli schrieb über das Zelt des Großwesirs Köprülü, der 1691 in der Schlacht bei Slankamen gegen den Türkenlouis gefallen war, etwas Schöneres und Eleganteres habe man noch nicht gesehen.

Auch gebührten nur den Unterkünften des Herrschers drei rot gestrichene und teilweise vergoldete Pfosten, die mit Kugeln oder Scheiben bekrönt waren. Umgeben waren sie von den Emblemen imperialer Macht - den bis zu neun Rossschweifen (tuğ), den Insignien des regierenden Sultans - die im Boden aufgepflanzt waren. Die Sultanszelte wurden durch textile “Anbauten“, z.B. Baldachine oder Marquisen, erweitert. Die offiziellen Trakte waren mit hochklappbaren Seitenwänden versehen, um es dem Herrscher zu ermöglichen, bei bestimmten Anlässen zu sehen und gesehen zu werden. Die repräsentativen Prunkzelte bildeten eine beeindruckende Kulisse, welche die Herrlichkeit des Machthabers symbolisierte. Vor dieser wurde der Auftritt des Padischahs mit dem ihm gebührenden Pomp inszeniert.

Neben dem Staatsquartier stand ein über mehrere Stufen begehbarer hölzerner Aussichtsturm mit einem roten Zeltbaldachin. Von hier aus konnte der Sultan Festveranstaltungen und ähnliches verfolgen. Zur großherrlichen Zeltstadt gehörten auch Versammlungszelte, etwa für den Staatsrat, Esszelte (yemeklik) für Festmähler und Betzelte (namazgah), die die Moschee ersetzten. Weitere Funktionszelte wurden mitgeführt, z.B. Vorrats- und Lagerzelte, Stallzelte sowie Küchenzelte (matbah), erkennbar an der geschwärzten Rauchabzugsöffnung. Für Hygiene sorgten Badezelte (hamam) sowie die kleinen viereckigen Toilettenzelte (hela), die über Erdgruben errichtet wurden. Es gab sogar ein eigenes Exekutionszelt (aylak çadırı), das auf die über Leben und Tod seiner Untertanen gebietende Allmacht des Sultans verwies. Da es sich lediglich um eine Art schirmartiges Zeltdach ohne Seitenwände handelte, konnten die Hinrichtungen von jedermann beobachtet werden. Der gesamte Komplex war umgeben von einer textilen Umfriedung, einer “Mauer“ aus Zeltleinwand (zozak), die keine reale, sondern eine symbolische Schutzfunktion besaß, und den Sultan außerdem vor den Blicken des einfachen Volkes abschirmte. Nahm der Sultan als oberster Heerführer an Feldzügen teil, wurde seine Zeltstadt in doppelter Version mitgeführt. Ein Ensemble wurde vom Herrscher bewohnt, während das zweite bereits zur nächsten Station vorausgeschickt und aufgeschlagen wurde. Für die Zeltstadt des Sultans nennen europäische Quellen Größenmaße. Der italienische Reisende Pietro della Valle berichtete zu Beginn des 17. Jh., der gesamte Komplex habe einen Umfang von einer halben Meile besessen, der Engländer John Covel schreibt 1674/75, er sei 400 x 100 Fuß (ca. 130 x 33 m) groß gewesen. Sein Zeitgenosse Sir Paul Rycault fügte hinzu, das Zelt des Sultans habe 180 000 Dollar - nach damaligem Stand ein Vermögen - gekostet.


Die verschiedenen Zelttypen
Die Urform des osmanischen Zeltes (osm.-türk. çadır, pers., hayme) war die zentralasiatische Jurte, ein meist rundes Hauszelt mit Scherengatterwänden aus Holzsparren, die mit Fellen oder gegerbten Tierhäuten behängt waren. In späterer Zeit gab es bei den Osmanen eine Vielfalt von Zelttypen mit unterschiedlichen Funktions- und Verwendungsweisen. Sie variierten in Größe, Form und Konstruktionsweise. Ausführung und Ausstattung reichten von einfach-zweckmäßig bis komfortabel-luxuriös. Kleinere Zelte (germe) besaßen einen Mittelpfosten, größere (çerge, orta) zwei bis acht Innenstützen. Die Zelthaut wurde frei an außerhalb des Zeltes stehenden Pflöcken verspannt. Zusätzlich konnte sie über eine Art hölzernes Dachgestänge oder auch eine seitliche, in die Zeltwand integrierte Stützkonstruktion gezogen sein. Entsprechend des Grundrisses der Zelte - eckig oder rund (oba) - wies das Dach Pyramiden-, Sattel-, Kegel- oder Kuppelform auf. Die Seitenlänge schwankte zwischen zwei und sieben Metern, die maximale Höhe der Prunkzelte betrug ca. 3.5 m. Geräumige Anlagen unterteilte man mit Hilfe von Vorhängen in mehrere "Räume" bzw. Wohneinheiten.

Fast alle Zelte bestanden aus zwei Materialschichten. Eine aus mehreren Abschnitten (hazine) zusammengenähte, strapazierbare Außenhaut gewährte Schutz vor der Witterung. Sie war aus Filz oder fest gewebter Leinwand, wahrscheinlich aus geölter Baumwolle, Leinen oder Hanf, gefertigt und meist von roter (bogasi), grüner (verdigris) oder weißer Farbe (kripas). Die Innenbespannung bestand aus feinerem Gewebe, bei den Prunkzelten benutzte man Seide, Seidensamt oder Brokat. Die Innenausstattung der Zelte zeichnete sich durch ihre Einfachheit aus. Die Möblierung - gelegentlich ein paar Stühle, Bänke, eine Bettstatt oder Truhen - war spärlich. Statt dessen ermöglichten allerlei Teppiche, Kissen oder Polster ein bequemes Sitzen auf dem Boden, während Decken, Behänge und Vorhänge für Gemütlichkeit sorgten. Die Zeltpfosten und -wände nutzte man, um Utensilien wie Lampen oder Waffen aufzuhängen.
Lebensmittelverkauf im Zeltlager/Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul

Osmanische Miniaturmalerei. Topkapı Sarayı Müzesi, Istanbul (Inv. H 1365)
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Exponate:
Kissenhülle
Kissenhülle
Behang
Bildteppich
Wirkteppich
Themen:
Das Topkapi Serail - Der Palast des Großherrn
Themenreisen:
Im Zelt des Sultans
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