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Der Türkenkrieg Mehmets IV. gegen Leopold I. Ende des 17. Jh. (1683-1699)
Die Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte des 17. Jh. zeigten, dass sich in Habsburg und dem Osmanenreich nicht mehr zwei ebenbürtige Mächte gegenüber standen. Die Osmanen verkannten, dass sie es aufgrund neuer waffentechnischer und militärtaktischer Entwicklungen mit einem überlegenen Gegner zu tun hatten.

Zum Türkenkrieg von 1683-1699 kam es, als sich 1678 im habsburgischen Ungarn der Adel empörte. Unterstützt von Ludwig XIV. von Frankreich (reg. 1643-1714) und der Hohen Pforte führte Emmerich Thököly (1657-1705) die Aufständischen - diese nannten sich selbst Kuruzzen (Kreuzträger, Kreuzfahrer) - an, die gegen die absolutistische Herrschaft des zur Großmacht aufgestiegenen Hauses Habsburg revoltierten. Leopold I. (reg. 1658-1705) antwortete sofort mit einer Gegenoffensive, die sich in Oberungarn zu einem gnadenlosen Dauerkrieg zu entwickeln schien. In dieser Situation fand das Hilfsgesuch der Ungarn an die Osmanen beim Großwesir Kara Mustafa Pascha (reg. 1676-1683) Gehör. Dieser begann 1683 einen Angriffskrieg gegen Österreich, der sich als schwere Fehleinschätzung erweisen sollte. Die Motive des Großwesirs waren - folgt man der osmanischen Geschichtsschreibung - Habgier, Machtsucht und der alte Traum von der Einnahme des "Goldenen Apfels". Vor allem die Eroberung Wiens, der Residenz des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, welches in der Nachfolge Westroms stand, besaß symbolhafte Bedeutung.

Die Belagerung Wiens 1683
Im März 1683 marschierte Kara Mustafa ohne Verzögerung direkt auf Wien. Insgesamt umfasste die osmanische Armee etwa 250 000 Mann, davon 90 000 Mann reine Kampftruppen. Ein von Karl V. Leopold von Lothringen (reg. 1675-1690) befehligtes Heer der Kaiserlichen mit lediglich 30 000 Soldaten musste sich kampflos zurückziehen. In Wien waren nur 11 000 Soldaten und ein Bürgeraufgebot von 5 000 Mann unter Führung des Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg (1638-1701) zur Verteidigung zurückgeblieben. Zahlreiche Bewohner, auch Kaiser Leopold I., hatten die Stadt fluchtartig verlassen.

Nach der ersten Türkenbelagerung hatte Wien neue Befestigungsanlagen - einen Festungskranz italienischen Stils mit Gräben, Wällen und zahlreichen Bastionen - anlegen lassen. Da die Stadt also nicht im Sturm einzunehmen war, ließ Kara Mustafa unterirdische Gänge mit unter den Stadtmauern liegenden Pulverkammern, sog. Minen, anlegen. Diese füllte man mit Sprengstoff und ließ sie explodieren, um die darüber befindlichen Mauern zum Einsturz zu bringen. Zugleich nahmen die Osmanen die Stadt unter heftigen Artilleriebeschuss. Schließlich fielen die äußeren Verteidigungswerke in osmanische Hände. Auch gelang es, erste Breschen in die Stadtmauern zu sprengen, und das Belagerungsheer attackierte die Stadt mit permanenten Sturmangriffen.

Zwei Monate, vom 14.7. bis 12.9.1683, hielten die Eingeschlossenen - durch Epidemien geschwächt und durch Kämpfe dezimiert - verzweifelt stand. Am 3. September waren die Türken zur Hauptmauer vorgedrungen und begannen, diese zu sprengen. Der Angriff der Janitscharen durchbrach die Stadtbefestigung und konnte kaum zurückgeschlagen werden. Zu der in der Umgebung auf Verstärkung wartenden Befreiungsarmee konnten nur noch vereinzelt Boten durchdringen. Doch am 9. September beobachteten die Verteidiger, wie die Osmanen ihre Heere umgruppierten und sich von der Stadt abwendeten. Über die Hügel des Wienerwaldes rückte das Entsatzheer aus bayrischen, sächsischen, österreichischen und polnischen Truppen heran. Mit ca. 75 000 Mann stellten der oberste Heerführer König Johann III. Sobieski (reg. 1674-96) und die anderen Kommandeure, u.a. Herzog Karl V. von Lothringen (1643-1690) und Hermann von Baden (1628-1691), die Türken am Kahlenberg zur Schlacht. Kara Mustafa hatte die verhängnisvolle Entscheidung getroffen, seine Truppen von etwa 180 000 Mann Stärke zu teilen und mit einem Teil die Belagerung fortsetzen zu lassen. Daher trat er den Kaiserlichen lediglich mit der Hälfte seines Heeres gegenüber. Zwar leisteten die Osmanen in einem dramatischen Kampf erbitterten Widerstand, doch unterlagen sie dem Ansturm des Entsatzheeres. Nachdem die Janitscharen besiegt worden waren, wandte sich der Großwesir zur Flucht. Die Osmanische Armee wurde fast vollständig aufgerieben und ergriff die Flucht. Wien war befreit. Kara Mustafa Pascha musste die Niederlage am Kahlenberg mit seinem Leben bezahlen. Zur Strafe für sein Versagen ließ ihn der Sultan noch im gleichen Jahr in Belgrad erdrosseln.

Die Abwehr des osmanischen Großangriffs auf Wien war von epochaler Bedeutung. Der osmanische Expansionismus hatte seine Kraft verloren, das Imperium konnte in der Folgezeit nur noch aus der Defensive agieren.

Der weitere Verlauf des Krieges
Auf Veranlassung Papst Innocenz XI. (1676-1689) gründeten Österreich, Polen und Venedig 1684 die Heilige Liga, der später auch Russland beitrat. Diese Allianz sollte die Osmanen an unterschiedlichen Fronten bedrängen. Einer der zahlreichen Kriegsschauplätze war Athen. Bei den dortigen Auseinandersetzungen der Venezianer und der Osmanen flog 1687 der als Pulvermagazin benutzte Parthenon auf der Akropolis, der bis heute berühmteste Tempel der griechischen Antike, in die Luft.

Auf dem Balkan zog sich der Krieg zwischen Österreich und der Pforte noch jahrelang hin. Nach anfänglich wechselndem Kriegsglück jedoch mündete der weitere Verlauf des Krieges in einen beispiellosen Siegeszug gegen die Türken. 1683 nahmen die Habsburger die Feste Párkány. 1684 eroberten die kaiserlichen Truppen Waitzen und Pest, 1685 die wichtige Grenzfestung Gran/Esztergom und Neuhäusel/Nove Zamky. 1686 fiel nach harter Belagerung die Stadt Buda/Ofen ebenso Eger/Cheb, Fünfkirchen/Pécs und Szeged/Szigetvar. Weitere Etappen des siegreichen Feldzugs waren 1686 Simontorny, Kaposvár, Siklós und 1687 Esseg/Osijek. Im gleichen Jahr wurden die Türken am Berg Harsány/Harsan bei Mohács - in der sog. 2. Schlacht von Mohács - geschlagen. 1688 gelang Habsburg die Einnahme Lippas und die Eroberung Belgrads, weitere Erfolge wurden bei Kostanjnica, Gradiška, Derbent und Zwornik errungen. 1689 siegte Österreich bei Nissa/Nisch, Grabova, Widdin und Batotschina, 1690 bei Klausenburg. Im Verlauf der Auseinandersetzungen zeichneten sich vor allem die Feldherrn Karl V. Leopold von Lothringen und Maximilian II. Emanuel von Bayern (reg. 1679-1726) aus. Ebenso Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden (1655-1707), der aus über 20 Schlachten des Türkenkriegs siegreich hervorging sowie später Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736).

Doch die Osmanen waren nicht zum Einlenken bereit. Fast gelang es dem fähigen Großwesir Fazıl Mustafa Köprülü (reg. 1689-1691), die Gebietsverluste wieder wettzumachen. Er nahm den Habsburgern Belgrad ab und gewann weite Gebiete Bulgariens, Serbiens und Siebenbürgen zurück, wo er erneut Emmerich Thököly inthronisierte.

Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, dem Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee, war zu verdanken, dass in dieser kritischen Situation der osmanischen Gegenoffensive Einhalt geboten wurde. Durch seinen berühmten Sieg bei Slankamen 1691 sicherte er die Save-Donau-Linie. Der Tod des talentierten Großwesirs Fazıl Mustafa Köprülü (reg. 1689-1691), der in der Schlacht fiel, bedeutete die endgültige Schwächung des osmanischen Heeres und machte alle Hoffnungen der demoralisierten Osmanen zunichte. Ein Jahr später erfolgte die Einnahme von Großwardein/Oradea. Dann wurde Ludwig Wilhelm auf die Kriegsschauplätze im Westen des Deutschen Reiches abkommandiert, wo er im Pfälzischen Erbfolgekrieg für den Kaiser kämpfen sollte. 1697 endlich konnte der Vetter und Kampfgenosse Ludwig Wilhelms, der junge Prinz Eugen von Savoyen, der ihm als Oberkommandierender des Heeres nachfolgte, den Osmanen 1697 in der Schlacht bei Zenta die letzte entscheidende Niederlage beifügen. Im Frieden von Karlowitz 1699 mussten die Osmanen erhebliche Gebietsverluste hinnehmen. Siebenbürgen und Ungarn, mit Ausnahme Belgrads und des Banats, wurden der Habsburgermonarchie eingegliedert, Podolien und Teile der Ukraine musste die Pforte an Polen abtreten, Venedig gewann die Peloponnes (Morea) zurück. Die Türken waren von nun an kein Machtfaktor mehr in der Region, und nie wieder sollten sie Mittel- und Südosteuropa existentiell bedrohen.

Das Desaster der Großen Türkenkriege markierte einen fatalen Wendepunkt in der Geschichte des Osmanischen Reiches, das sich von nun an unaufhaltsam im Niedergang befand. Der Tod Köprülüs verhinderte die Vollendung seines innenpolitischen Reformwerkes, so dass der Staat durch die inneren Krisen endgültig zersetzt wurde. Auch der Verlust der Weltmachtstellung sollte nur eine Frage der Zeit sein, das Territorium des Osmanischen Reiches von nun an kontinuierlich schwinden.
Entsatzschlacht von Wien 1683/Historisches Museum, Wien

Franz Geffels, Öl auf Leinwand. Historisches Museum, Wien (Inv. 40.132)
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Exponate:
Panzerhemd und Panzerkragen
Prunksattel
Prunkschabracke
Reitzeug
Reflexbogen
Köchergarnitur
Personen:
Köprülü Fazıl Mustafa Pascha
Kara Mustafa Pascha
Leopold I. von Habsburg
Süleyman II.
Ahmet II.,
Themen:
Die Schlacht von Slankamen
Blick in die Geschichte Badens
Das Osmanische Reich - Ein Imperium im Niedergang
Staatswesen und Verwaltung im Osmanischen Reich
Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden
Die Janitscharen - Eliteeinheit im osmanischen Heer
Themenreisen:
Orient versus Okzident
Krieg und Diplomatie
Der Türkenlouis
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Quellen
Experteninfo

Kampf um Wien
Angezettelt hatte diese finale Auseinandersetzung im Kampf um die Hegemonie in Südosteuropa ein von Ehrgeiz und Großmachtsträumen getriebener Großwesir, der dafür zwar mit seinem Leben zahlte, aber tausende mit in den Untergang riss.

 

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