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Schloss Rastatt - Die Residenz des Türkenlouis
Die Vorgeschichte
Über viele Jahrhunderte residierten die badischen Markgrafen in Baden-Baden, seit dem frühen 12. Jh. zunächst hoch über der Stadt auf der Burg Hohenbaden, dann seit 1479 in dem unmittelbar am Stadtkern gelegenen Neuen Schloss Niederbaden. Dieses wurde 1689 verwüstet, als die Truppen Ludwigs XIV. die Stadt plünderten und anschließend niederbrannten.

Der seines Stammsitzes beraubte Ludwig Wilhelm wohnte daher seit 1690 auf Schloss Schlackenwerth in Böhmen, einer Besitzung seiner jungen Frau Sibylla Augusta, sofern das Kriegsgeschäft und die mit ihm verbundenen zahlreichen Aufenthalte am kaiserlichen Hof in Wien dies erlaubten. Erst nachdem 1697 mit dem Friedensschluss von Rijswijk der Expansionspolitik des französischen Königs vorläufig Einhalt geboten wurde, konnte sich Ludwig Wilhelm den Planungen zum Bau eines Schlosses in Rastatt zuwenden.

Der Baubeginn in Rastatt 1698
Das in der Rheinebene an dem Flüsschen Murg gelegene Rastatt, ein Marktflecken von wenigen Hundert Einwohnern, war im gerade zurückliegenden Krieg derartig zerstört worden, dass man von einer Neugründung durch Ludwig Wilhelm sprechen kann. In einem Patent vom August 1698 verkündete der Landesherr, dass jeder, ob Einheimischer oder Fremder, der in Rastatt nach vorgegebenem Modell innerhalb von drei Jahren ein steinernes Stadthaus errichte und in diesem für einen Hofbediensteten Stube und Kammer bereitstelle, das nötige Bauholz erhalten und von allen Abgaben befreit werden solle.

Der Architekt: Domenico Egidio Rossi
Das Schloss und die Stadtanlage wurden von Domenico Egidio Rossi (1659-1715) entworfen, der seine künstlerische Ausbildung in Bologna erhalten hatte, und zwar sowohl als Architekt wie auch als Quadraturmaler. Diese besondere Art der Wand- und vor allem Deckenmalerei war seit dem späten 16. bis weit ins 18. Jh. eine berühmte, nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa begehrte Spezialität der Bologneser Malerschule: Auf Wände und Decken der Räume wurden Architekturelemente so täuschend gemalt, dass sie als Fortsetzung und Erweiterung des realen Raumes erschienen. Dazu bedurfte es neben der Kunst der Malerei genauer Kenntnisse der Perspektive und der architektonischen Formenlehre. Mit diesen Fähigkeiten arbeitete Rossi seit 1689 in Prag und Wien für so bedeutende Adelsfamilien wie die Liechtenstein, Caprara und Czernin. Letzterer hat Ludwig Wilhelm den gefragten Architekten abgeworben: von 1697 bis zum Tod des Markgrafen 1707 war Rossi nun in Rastatt tätig.

Der Planwechsel 1699/1700
Anfangs beabsichtigte Ludwig Wilhelm offenbar, das im Nordosten seines Landes gelegene Ettlingen zur Residenz auszubauen, jedenfalls ließ er sich in Rastatt zunächst nur ein Jagdschloss errichten. Dieses von Rossi in den Jahren 1698/99 errichtete Gebäude war eine offene Dreiflügelanlage, deren Hauptbau frei zwischen den beiden Seitenflügeln stand. Diese waren lediglich eingeschossig, während sich der 19 Fensterachsen breite Hauptbau in zwei Stockwerken über einem Sockelgeschoss erhob. In der unglaublich kurzen Zeit von kaum zwei Jahren war der Bau schon so weit vorangeschritten, dass Rossi sich mit der Innenausstattung zu beschäftigen begann, als Ludwig Wilhelm ihm um die Jahreswende 1699/1700 einen Entschluss mitteilte, der den Architekten vor die zweifellos größte Herausforderung seiner Laufbahn stellte: Rastatt sollte zur befestigten Residenzstadt ausgebaut, das Jagdschloss weitgehend abgerissen und so schnell wie irgend möglich durch ein wesentlich größeres Residenzschloss ersetzt werden.

Neubau eines Residenzschlosses
Rossi integrierte die bestehenden Flügel des Jagdschlosses um ein Stockwerk erhöht in die Neuplanung. Den Mittelbau hingegen ließ er unverzüglich niederlegen und entwarf einen neuen, um vier auf 23 Achsen verbreiterten dreigeschossigen Wohnbau (Corps de logis), der auf den Kellern des alten errichtet wurde. Dadurch kam es zu einer formal nicht ganz reinen Ecklösung, bei der Flügel und Hauptbau hart aufeinander stoßen. Dies hätte Rossi bei einem völligen Neubau sicher vermieden, aber es galt, nicht nur Kosten, sondern vor allem Zeit zu sparen. Über den künstlerischen Entwurf hinaus vollbrachte Rossi hier eine beeindruckende organisatorische Leistung: er versah selbst die Bauleitung und kümmerte sich um die Materialbeschaffung. Um der Forderung des Markgrafen nach höchstem Tempo zu entsprechen, gründete Rossi Ziegelbrennereien und errichtete den gewaltigen Bau ganz aus Backsteinmauerwerk, das rosa verputzt wurde, um den in der Gegend für repräsentative Bauten üblichen Sandstein vorzutäuschen. Zur Stabilisierung ließ er im Eisenwerk Gaggenau eine große Zahl von Eisenankern herstellen, die das ganze Schloss in Längs- und Querrichtung durchziehen. Ferner wurden unvorstellbare Mengen an Bauholz für Gerüste und vor allem die Decken benötigt. Rossi schaltete sich auch in die Rekrutierung der fronpflichtigen Untertanen ein: meist waren es Bauern mit oft weiten Anmarschwegen, die rigoros zu Hilfsarbeiten gezwungen wurden und dabei ihre eigenen Ochsengespanne einsetzen mussten.

Schloss und Stadt
Rossis Entwurf zielte auf eine enge Verbindung von Schloss und Stadt: Strahlenartig führen vom Schloss drei Straßen in die Stadt hinein, so dass von jeder Kreuzung aus der Blick zur Residenz des Fürsten zurückgeleitet wird. Dass Rossi dieses (in der zeitgenössischen Fachsprache Patte d’oie, Gänsefuß, genannte) Schema, das erstmals in Versailles einer Residenzplanung zugrunde gelegt worden war, verwendet, zeigt, von welchem Ehrgeiz das Rastatter Projekt getragen war. Das Schloss liegt auf einer natürlichen Geländeschwelle gegenüber dem bürgerlichen Wohnbezirk leicht erhöht. Eine Rampe führt zum Ehrenhof (Cour d’honneur) hinauf, der von zweigeschossigen Seitenflügeln und dem dreigeschossigen Corps de logis umschlossen wird. Die nach Südwesten ausgerichtete Mittelachse der Anlage weist geradezu programmatisch genau auf das jenseits des Rheins gelegene französische Fort Louis. Auf dem Dach über dem erhöhten Mittelteil der Fassade unterstreicht die vergoldete Figur des Blitze schleudernden Jupiter die Absichten des Bauherrn.

Das Innere des Schlosses
Der Verherrlichung des Fürsten dient im Inneren die glanzvolle Inszenierung, die Rossi sogleich im Treppenhaus entfaltet: Beiderseits des dunklen Vestibüls führt je eine Treppe in den über dem Vestibül gelegenen lichtdurchfluteten Vorsaal (Antisala). Die Gewölbe der über beide Geschosse geöffneten Treppenschächte sind durchbrochen, so dass der Blick bis ins dritte Geschoss steigen kann. Durch dessen Fenster werden die ganz oben angebrachten ovalen Deckengemälde seitlich beleuchtet. Diese raffinierte Raumkomposition mit ihrer effektvollen Lichtregie stellt eines der großartigsten Treppenhäuser des Barock in Deutschland dar. Von der Antisala aus betritt man den zentralen Saal, dessen enorme Größe ebenso überwältigt wie seine prachtvolle Ausstattung: Kolossalpilaster aus rotem Stuckmarmor umstehen den Raum; auf ihren Gebälkstücken sitzen Figuren türkischer Gefangener, die die Saaldecke zu tragen scheinen. Die Wände sind mit Bildnissen der Vorfahren Ludwig Wilhelms geschmückt, daher die Bezeichnung Ahnensaal. Das Thema des Deckengemäldes ist “Die Aufnahme des Herkules in den Olymp“ bzw. die Verherrlichung des gegenwärtigen Fürsten, Ludwig Wilhelms, im Gewand der griechisch-römischen Mythologie.

Erwähnenswert sind ferner zwei um 1680 entstandene Bildnisse aus den reichen Kunstsammlungen des Rastatter Schlosses. Sie zeigen Damen in orientalischen Kostümen und stammen wahrscheinlich von dem niederländischen Maler Herman Verelst, der damals in Wien arbeitete. In das Reich der Legende gehört aber wohl, was man 1838 Alexandre Dumas, dem späteren Autor des Grafen von Monte Christo, bei seinem Rundgang durch das Rastatter Schloss zu diesen Gemälden erzählte: “Es sind vier Bildnisse in natürlicher Größe von den vier Frauen des Paschas, die der Sieger gefangen nach Rastatt verbracht hat. Man versichert, die Markgräfin habe diesen Teil der Beute am allerwenigsten zu schätzen gewusst.“

Zu beiden Seiten des Ahnensaales liegen symmetrisch die Appartements des Fürstenpaares, nach Nordwesten das Sibylla Augustas, nach Südosten das Ludwig Wilhelms. Ihre eindrucksvolle Raumflucht (Enfilade) lässt sich über die gesamte Länge des Corps de logis überblicken. In Rastatt ist die Raumfolge Vorzimmer-Audienzzimmer-Schlafzimmer-Kabinett geradezu lehrbuchartig ausgebildet. Dem Hofzeremoniell des Absolutismus entsprechend wurde jedem Besucher durch Nähe bzw. Distanz zum Herrscher seine Stellung bei Hofe klargemacht: musste er sich bereits im Vorzimmer abfertigen lassen, ließ man ihn bis ins Audienzzimmer vor, wo die Staatsangelegenheiten offiziell verhandelt wurden, oder durfte er gar im Prunkschlafzimmer dem Lever, dem zeremoniellen morgendlichen Aufstehen des Fürsten, beiwohnen? Dann gehörte er bereits zum engsten Kreis; als letzte Steigerung war nur noch die Zulassung zum persönlichen Gespräch im Kabinett denkbar. Entsprechend der Bedeutung im Zeremoniell steigert sich die Pracht der Ausstattung in den Rastatter Appartements von Raum zu Raum.

Das Schloss nach dem Tod des Bauherrn
Das Rastatter Schloss ist ungewöhnlich gut in dem Zustand erhalten, in dem sein Bauherr, der selbst kaum zwei Jahre darin lebte, es hat errichten lassen. Sibylla Augusta, die nach dem Tod Ludwig Wilhelms 1707 zwanzig Jahre die Regentschaft führte, wie auch ihre beiden später regierenden Söhne, haben kaum eingreifende Änderungen durchgeführt.

Mit dem Tod ihres letztregierenden Sohnes August Georg 1771 starb das Haus Baden-Baden in der männlichen Linie aus. Die Markgrafschaft kam einem Erbvertrag zufolge an Baden-Durlach und da dieses mit Karlsruhe über eine allen Ansprüchen genügende Residenz verfügte, fiel das Rastatter Schloss in einen Dornröschenschlaf, der es vor gravierenden Eingriffen bewahrte.
Schloss Rastatt, Ehrenhofseite

Schloss Rastatt, Ehrenhofseite
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Personen:
August Georg von Baden
Ludwig Georg Simpert von Baden
Franziska Sibylla Augusta
Themen:
Das Topkapi Serail - Der Palast des Großherrn
Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden
Blick in die Geschichte Badens
Themenreisen:
Der Türkenlouis
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Ein deutsches Versailles
Sowohl das Äußere des heute noch vollständig erhaltenen barocken Planschlosses als auch Teile der originalen Inneneinrichtung, z.B. die historisch-heroischen Wand- und Deckenmalereien - zeugen vom Selbstverständnis und Repräsentationsbedürfnis des Bauherrn, eines durch und durch absolutistischen Fürsten.

 

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