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Panzerhemd und Panzerkragen des Janitscharenağa Mustafa Pascha aus Rodosto
Langes Panzerhemd mit halblangen Ärmeln aus einem dichten Geflecht vernieteter Eisenringe mit unterschiedlichem Durchmesser (Dm 5.00-12.00 mm) und flachem bis flachrundem Querschnitt. Brustschlitz (L ca. 27.00 cm) sowie am unteren Hemdrand vorne und hinten je ein Schlitz (L ca. 25.00-29.00 cm). Der Brustschlitz ist beidseitig besetzt mit fünf blattförmigen Spangenpaaren mit Ringschließen auf Scharnieren aus vergoldetem Silber (B 15.00 cm); verziert mit stilisierten, mit feinstem Niellodekor gefüllten Tulpen in Reliefschnitt vor gekörntem Grund. In gleicher Technik und Verzierung 17 dreieckige Besatzstücke am schmalen Halskragen sowie zwei flachgewölbte Rundscheiben (Dm 7.50 cm) aus vergoldetem Silber mit zentraler Sternrosette, die rechts und unterhalb vom Brustschlitz mit jeweils drei eckigen Ösen auf der Rückseite im Kettengeflecht befestigt sind. Auf dem untersten Schließenpaar sowie auf der seitlichen Rundscheibe ist die Tuğra Sultan Mehmets IV. (1648-1687) eingeprägt. Rechts unterhalb des Brustschlitzes eingegossen ins Ringgeflecht eine kleine ovale Bleiplombe mit Siegelabdruck (9.00 mm x 9.50 mm): nach Übersetzung von Zygmunt Abrahamowicz: "Janitscharenağa Mustafa Ağa" und "93", d.h. (10)93 H. = 1682. Nach Ausweis von Tuğra und Besitzermarke gelangte das Panzerhemd wohl als Geschenk Sultan Mehmets IV. 1682 in den Besitz Mustafa Paschas aus Rodosto (heute Tekirdağ am Marmarameer), des Befehlshabers der Janitscharen im türkischen Belagerungsheer vor Wien 1683, der das schwere Rüststück vermutlich bei seiner Flucht von Wien zurückgelassen hat. Der 1688 zum Großwesir ernannte, 1689 wegen der ihm von Markgraf Ludwig Wilhelm bereiteten Niederlagen in Ungnade gefallene Mustafa Pascha mit dem Beinamen "Bekri" (= Trunkenbold) ist 1690 in der Verbannung gestorben. Das Panzerhemd ist eine der wenigen Trophäen, die mit kriegerischen Aktionen des Markgrafen Ludwig Wilhelm in direkten Zusammenhang gebracht werden können. Denn historische Indizien lassen es als wahrscheinlich erscheinen, dass ihm dieses Beutestück während der Entsatzschlacht von Wien am 12.9.1683 beim Sturm auf die letzten, von den Janitscharen vergeblich verteidigten Laufgräben in die Hände gefallen ist, bei dem er - wie wir aus zeitgenössischen Berichten wissen - als erster unter den Befreiern Wiens die Stadtmauern erreichte und sich eines großen Teiles der Belagerungsgeschütze bemächtigen konnte.

Der nach alter inventarmäßiger Überlieferung zum Panzerhemd gehörende Kragen hat die Form eines A, dessen Spitze in zwei Zipfel ausläuft; er besteht aus einem bandartigen, dichten Geflecht kleiner, vernieteter Eisenringe (Dm 5.00-6.00 mm). Der Kragen ist besetzt mit 48 (ursprünglich 49) runden, flachgewölbten Plättchen aus vergoldetem Silber in reihenweiser Anordnung zu je 3 Stücken; diese kleinen, mit niellierten Tulpenranken in Reliefschnitt vor feingekörntem Grund und einem zentralen Rosettenknöpfchen verzierten Rundscheiben stimmen in Material, Technik und Dekor weitgehend mit den Zierbeschlägen des Panzerhemdes überein. Zwischen den einzelnen Rundplättchen sowie an den Außenrändern des Kragens sind kleine Korallen auf zierlichen Drahtspiralen in das Ringgeflecht eingehängt.

Erhaltungszustand:
Panzerhemd: Von den im Inventar von 1772 aufgeführten, 1896 noch erwähnten drei Rundscheiben ist eine vor 1909 verlorengegangen. Die beiden erhaltenen Zierscheiben am Panzerhemd jetzt nicht original montiert. Ebenso sind von den erwähnten "36 Stück eckigte Bucklen" jetzt noch 17 am Kragen erhalten. Von den fünf Verschlussspangen am Brustschlitz ist nur (von oben ausgehend) das zweite, dritte und fünfte Paar komplett erhalten; beim ersten ist die Verschlussscheibe mit Scharnier sowie die Ringschließe abgebrochen, beim vierten die Scheibe.
Panzerkragen: Das Ringgeflecht stellenweise geringfügig ausgerissen. Von den Korallenanhängern jetzt noch 88 erhalten.


Alte Inventare:
"Türckische Kammer" (GLA 47/1998) Nr. 155: "1 Panzer Hembt von Eisen Dratt, woran 10 Stück silberne Hafften, 36 Stück eckigte Bucklen von Silber 49 Stück kleine, und 3 Stück große runde silberne Buckle." Im Inventareintrag ist der als zugehörig angenommene Panzerkragen (D 10a) ohne namentliche Nennung mit seinen Beschlägstücken in den Zahlenangaben mitenthalten. - Vielleicht identisch mit dem im "Badisch-Sachsen-Lauenburgischen Bestandsinventar" von 1691 (GLA 46/4044), mit offensichtlich irrtümlicher Zuschreibung aufgeführten "Panzer hembd zu des Kayser Mathias harmisch gehörig den 10. Janu 1691 von Wien gebracht worden...". - Zweifellos eines der im "Inventar zur Prager Reise", 1721 (im Zweiten Weltkrieg vernichtet)
"Verschlag Nr. 19" enthaltenen "2 pantzer hemeter", die in der "Consignation" (GLA 47/1998) Nr. 26 nach 1721 als "2 Eyserne Pantzer Hemeter" wiederkehren.

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Literatur:
 Karlsruhe 1991, Nr. 19
 Wien 1883, Nr. 435, 594
 Budapest 1896, Nr. 3122
 Rose 1897, S. 167
 Lenz 1918, S. 195
 Rott 1933, S. 286
 Renner 1941, S. 70, 103
 Petrasch 1952, S. 604f., 614, 620, 622
 Karlsruhe 1955, Nr. 403, 404
 Petrasch 1955, S. 61f.
 Karlsruhe 1976 a, Nr. 79
 Petrasch 1977, Nr. 6-7
 Petrasch 1982, S. 223ff., Anm. 4
 Petsopoulos 1982, S. 40
 Wien 1983 b, Nr. 16/140
 Karlsruhe 1984, S. 76f.



Das Panzerhemd des Janitscharenağa Mustafa Pascha war vielleicht ein Geschenk Sultan Mehmets IV. und trägt dessen Tuğra.
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Panzerhemd und Panzerkragen
Badisches Landesmuseum, Karlsruhe (Zähringer Stiftung)
Inv.: D 10, 10a
Stilrichtung: Osmanisch
Datierung: 1682
Maße: Panzerhemd: L ca. 104.00 cm, B 57.00 cm; Ärmel: L 43.00 cm Kragen (flach ausgebreitet): H ca. 50.00 cm, B ca. 65.00 cm; Bandbreite: 11.00-12.00 cm
Material: Panzerhemd: Eisen; Vergoldetes Silber; Blei Panzerkragen: Eisen; Vergoldetes Silber; Korallen/Schmuckstein; Draht
"Böser Blick"
Abhilfe gegen den "bösen Blick" und vor feindlichen Geschossen verschafften apotropäische Zeichen auf Zierstücken an Brust und Rücken des Panzerhemdes. Getragen wurde es über einem baumwollenen Talismanhemd, das über und über mit Koranversen, Gebeten, magischen Zahlen und Zeichen bedeckt war.

 

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