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Das Buch der Quintessenz der Historien
Vermutlich europäischer brauner Ledereinband mit Klappe nach osmanischer Art. Auf Vorder- und Rückseite Medaillons mit Anhängern und Eckstücken, die Bandwerk zeigen, gefüllt mit Blattranken in verblasster Goldprägung. Die Randleiste, zwei der Eckstücke und zusätzlich eine Volutenkartusche auch auf der Klappe. In die Klappe Fadenlasche (später) eingestochen. Geglättetes, beiges Papier ohne Wasserzeichen. 17 Blatt, Schrift Ta'lik. Anfangszierstück (unvan) auf Blatt 1b: Das untere Rechteckfeld gerahmt in Mennigerot mit schwarzen Kreuzen und Punkten. Mehrfach geschweiftes Hauptfeld mit zwei Anhängern, goldgrundig, mennigerot gerahmt, ausgemalt mit zarten Blütenranken überwiegend schwarz, rot und blau, darüber Buchtitel in Weiß. Vier goldgrundig weißgerahmte und vier rotgrundig türkis gerahmte Ornamentfelder, von der Randbordüre überschnitten. Auf dem blauen Fond goldene Blattranken, rote, weiße, lila und ockerfarbene Blüten.

Im oberen Feld von Goldrand mit blauer Umrisslinie begrenztes Querrechteck und sich daraus erhebende, geschweifte Spitzgiebelform. Darin eingeschrieben ein vielfach geschweiftes, in der Mitte blattförmiges, goldgrundiges Ziermotiv, nach oben weiß konturiert, nach unten durch mennigerote Gabelblattleiste begrenzt. Das goldgrundige Ziermotiv seinerseits in der Mitte blumenkelchförmig durchbrochen. Der Untergrund blau mit zarten Goldranken, roten, weißen und türkisfarbenen Blüten. Über dem Giebelstück stark stilisierte Blumenmotive in Blau. Unvan und Schriftspiegel eingefasst wie die übrigen Seiten. Einen verwandten Unvan zeigt die Wiener Handschrift A.F. 18 aus Schiras, die ins späte 16. Jh. datiert wird (Dorothea Duda. Islamische Handschriften.1. Persische Handschriften. Wien 1983, S. 16 und Abb. 189). Tinte schwarz, Personennamen im fortlaufenden, 15zeiligen Text (1a-4a) rot. Ab Blatt 4b wird der Text 46 Porträtmedaillons in Gouache-Malerei oder Namen umschließenden blauen, goldenen oder rotbraunen Kreisen zugeordnet. Die von den Medaillons ausgehenden Schriftzeilen bilden teils Kreissegmente, teils Textsäulen oder Textblöcke im Raum zwischen genealogischen Linien, die Porträtmedaillons und Namenskreise verbinden; viele dieser Texte stehen auf dem Kopf oder auf der Seite. Den freien Raum füllen Ranken und Blüten in monochromer Goldmalerei. Breiter Goldrahmen, darauf ein schmaler, schwarzlinig begrenzter Türkisstreifen, außen mit einer feinen blauen Linie eingefasst. Auf den Blättern 6b und 7a ist ein Teil der rechten Randleiste zu einem Rechteck ausgebuchtet, das zusätzlichen Text aufnimmt. Auf Blatt 7b ragt eine solche Rahmenausbuchtung nach oben. Blatt 12b und 13a bringen wieder einen fortlaufenden Text in schwarzer und roter Tinte, in eigenem Rahmen, der von der breiten Randleiste des Blattes in der Buchmitte ausgeht und auf den übrigen Seiten eine breite Randzone schafft, die von floraler Goldmalerei, rot gezogenen Namensmedaillons und auf Blatt 13a in der linken unteren Ecke vom goldgrundigen Porträtmedaillon Sultan Osmans, des Begründers der Osmanendynastie, ausgefüllt wird. Auf Blatt 13a lässt der Text eine Lücke von etwa zwei Zeilen Breite. Auf die Blätter 15b und 16b sind ganzseitige Porträts aufgeklebt, auf Blatt 16a, 17a und 17b sehr gute, teilweise signierte Kalligrafien, auf das Vorsatzblatt ein Zettel, der eine 1774 datierte lateinische Inhaltsangabe des schwedischen Orientalisten J. J. Björnståhl (1731-1779) enthält.

Bisher ging man davon aus, dass der Text dieser kostbaren Handschrift die unter dem Titel "Zübdet et-tevarih" von Mustafa Ali (1541-1599) im Auftrag Sultan Murats III. hergestellte türkische Übersetzung von 'Adudaddin 'Abdarrahman b. Ahmad al-Iği's (gestorben 1355) "Israq at-te-warich" sei. Ein Blick auf die Handschriften zeigt jedoch, dass dem nicht so ist, obwohl der Titel übereinstimmt und der Inhalt verwandt ist. Die Verwandtschaft von Titel und Inhalt gilt ebenso für ein Werk Lokman bin Seyyid Hüseyn al-Aşuri's (gestorben 1601-1602). Wieder aber handelt es sich um einen anderen Text. Einen identischen Text, doch mit anderem Titel hat schließlich die Wiener Handschrift A.F. 50, wenn sie auch zeitlich weiter reicht. Diese Handschrift wird einem Derviş Mahmud Ibn Şeyh Ramadan zugeschrieben. Die Basis für diese Zuschreibung ist jedoch schwach: eine bloße Vermutung Gustav Flügels (Gustav Flügel. Die arabischen, persischen und türkischen Handschriften der kaiserlich-königlichen Hofbibliothek zu Wien. Wien 1865-1867 Bd. II, S. 99, Anm.). Ein Yusuf [bin Hasan] bin Abdülhadi, der im arabischen Vorspann einiger Handschriften als Autor erscheint, dürfte lediglich der Verfasser dieses Vorspanns sein. So scheint es ratsam, den Text vorerst als anonym anzusehen. Die Einleitung (1b-4a) enthält nach dem Preis Gottes, dem Lob des Propheten Muhammad und Sultan Süleymans des Prächtigen die Berechnung der zwischen Adam und Muhammad liegenden Jahre, die Aufzählung der behandelten Dynastien, Zahl ihrer Mitglieder und Dauer ihrer Herrschaft. Diese Angabe unterbleibt nur bei den Osmanen. Im Hauptteil Darstellung der Propheten und Dynastien in genealogischer Form, mit knappen Angaben zu einzelnen Personen. Deutlich abgehoben der Teil über die Osmanen, mit eigener Einleitung und einer modifizierten Präsentation von Namens- und Porträtmedaillons. Der Text endet mit Sultan Mehmet III., der Angabe des Datums seiner Thronbesteigung, dem Wunsch seine Herrschaft möge dauern bis zum Ende der Tage. Die 46 Rundmedaillons enthalten folgende Porträts: 4b: Adam, dem Gabriel das BUCH übergibt, oben Mitte. - Qabil (Kain), unten rechts. - Gayumarth, Stifter der ersten persischen Königsdynastie. - 5a: Idris (Enoch), beim Schreiben, mit Begleitfigur, oben Mitte. - Nuh (Noah) unten Mitte. - Dschamschid, sagenhafter persischer König, Herrscher im goldenen Zeitalter, unten links - 5b: Der arabische Prophet Hud. -6a: Der Prophet Chidr (Elias), oben Mitte. - Der Prophet Ibrahim (Abraham), unten Mitte. - 6b: Der Prophet Ishaq (Isaak), oben links. - Der Prophet Isma'il (Ismael), oben rechts. - Der Prophet Ya'qub (Jakob), unten rechts. - 7a: Der Prophet Yusuf (Joseph) mit Flammennimbus. - 7b: Der Prophet Musa (Moses), oben. - Der Prophet Uzair, unten. - 8a: Der Prophet Süleyman (Salomon), oben Mitte. - Der Prophet Isa (Jesus) unten links. - Der Prophet Yahya (Johannes der Täufer), unten rechts. - 8b: Der Prophet Muhammad mit Gesichtsschleier und Flammennimbus. - Die Kalifen: Omar (634-644), links unter dem Propheten, - Ali (656-661), rechts vom Propheten, - Abu Bakr (632-634), unter Omar - Osman (644-656), unter Ali. - 9a: Abu Hanifa (gest. 767), Begründer der hanefitischen Rechtsschule, unten links. - Muhammad Schafi'i (gest. 820), Begründer der schafiitischen Rechtsschule, unten rechts. - 9b: Der abbasidische Kalif al-Ma'mun (813-833). - 10a: Mahmud (ibn) Sebüktigin, Sultan von Ghazna (998-1030). - 10b: Der Seldschukensultan Malikschah (1072-1092). - 11a: Dschingis Khan, Begründer des mongolischen Weltreiches (gest. 1227) unten Mitte. - Der abbasidische Kalif al-Musta'sim (1242-1258) unten rechts. - 11b: Tuli Chan, Sohn Dschingis Khans (gest. 1221). -12a: Ghazan Mahmut, Il-Khan (1295-1304), oben Mitte. - Abu-Sa'id (1317-1335), unten Mitte. - 13a: Osman, Dynastiegründer (gest. 1326). -13b: Orhan (1324-1362). - Murat I. (1362-1389). - Bayezid I. (1389-1402). - Mehmet I. (1413-1421). - 14a: Murat II. (1421-1451). - Mehmet II. (1451-1481). - Bayezit II. (1481-1512). -14b: Selim I. (1512-1520). - Süleyman I. (1520-1566). - 15a: Selim II. (1566- 1574). - Murat lII. (1574-1595). -Mehmet III. (1595-1603).

Die Kreismedaillons haben einen Durchmesser von 3.00 bis 4.30 cm. Im Türkensitz oder kniend dargestellt erscheinen alle Porträtierten ganzfigurig vor teilweise punziertem, goldenem Hintergrund im Halb- oder Dreiviertelprofil, Frontalansicht fehlt. Oft ragen Turban oder Gewandteile über den Kreisrand. Adam (4b) und Idris (5a) haben Begleitfiguren. Kain sitzt vor einem durch schwarze Linien aus dem goldenen Hintergrund gearbeiteten Feuer (4b). Die Propheten Joseph (7a) und Muhammad (8b) sind durch einen Flammennimbus hervorgehoben. Als Attribute oder Ausstattung finden sich Buch, Taschentuch, Rückenkissen und bei Dschamschid (5a) eine langhalsige Flasche. Allein der Prophet Jesus (8a) trägt keine Kopfbedeckung. Einziger Schnurrbärtiger ist Selim I. (14b), sonst dominiert der Vollbart neben Bartlosigkeit. Kopfbedeckungen, Bärte und Gewänder sind vielfältig gestaltet und fein gezeichnet. Die Frage nach den Vorlagen und Anregungen für die einzelnen Porträts ist für den vorosmanischen Teil noch nicht klar zu beantworten. Doch dürften die drei Handschriften von Lokman bin Seyyid Hüseyn el-Aşuri's "Zübdet et-tevarih" aus der Zeit Murats III. (Bibliothek des Topkapı Sarayı H.1321, Türk ve Islam Eserleri Müzesi 1373, Chester Beatty Library Dublin, Nr. 414), die meist ganzseitige szenische Miniaturen enthalten, als früheste osmanische Miniaturen mit religiöser Thematik in diesem Zusammenhang eine Rolle gespielt haben. Die Darstellung Jesu deutet zudem an, dass der Maler sich um Vorlagen bemühte, also authentisch sein wollte, wo möglich. Dass er in diesem Fall sogar eine außerislamische Anregung hatte, bestätigt eine kulturelle Offenheit, die der osmanischen Kunst auch sonst nicht fremd war.

Die Porträts der osmanischen Sultane (13a-15a), die, begleitet von kurzen biografischen Angaben, das Werk beschließen, leiten sich her von der Porträtserie, die der Hofmaler Nakkaş Osman 1579 nach eingehendem Studium der östlichen und westlichen Überlieferung hergestellt hat. Die frühesten und originalsten Beispiele enthalten die Handschriften H.1563 der Bibliothek des Topkapı Sarayı Müzesi (Nurhan Atasoy. Nakkaş Osman'ın padişah Portreleri Albümü. In: Türkiyemiz, Bd. 2, Nr. 6 (Februar 1972), S. 2-14) und T.6087 der Istanbuler Universitätsbibliothek. BLB Hs. Rastatt 201 knüpft jedoch nicht direkt an diese Handschriften an, sondern an einen Typ, der von der Dresdner Handschrift Eb 373 repräsentiert wird. Sie zeigt, wie unsere Handschrift, verschiedene Sultane ohne jene Blume, die ihnen Nakkaş Osman in die Hand gemalt hatte. Eine weitere Abweichung vom Nakkaş Osman'schen Modell zeigt etwa das Porträt Murats III. (15a, Mitte). Als den Auftraggeber der Porträtgalerie malte ihn Nakkaş Osman in H.1563 als schmalen Jüngling mit schütterem Bart. Spätere Versionen von ihm und von Kopisten aktualisieren das Aussehen des Sultans zum reiferen Mann mit vollem Bart. Unsere Handschrift nimmt jedoch keine dieser Darstellungen auf. Sie zeigt Murat III. zwar in der gleichen Haltung wie diese Tradition, mit einem Buch in der Hand, das Gesicht hat jedoch einen anderen Ausdruck. Es zeigt Anklänge an die Darstellung des Sultans auf einem Porträt, das für den Sultanshof 1578 in der Werkstatt des Paolo Veronese zu Venedig gearbeitet wurde. Es war Teil einer Porträtserie, die dann tatsächlich auch nach Istanbul in den Sarayı gelangt ist. Das Porträt Murats III. hat sich allerdings nur in einer zweiten Version in München erhalten (siehe Hans Georg Majer. Zur Ikonographie der osmanischen Sultane. In: Das Bildnis in der Kunst des Orients. Hrsg. v. Martin Kraatz, Jürg Meyer zur CapelIen, Dietrich Seckel. Stuttgart 1990, S. 107).

Mehmet III., der regierende Sultan, erscheint doppelt, einmal als letzter Sultan im Medaillon (15a), einmal ganzseitig auf dem Thron (15b). Dieses Thronbild (18.20 x 9.80 cm) enthält keine der Parallelhandschriften. Spätere Handschriften ziehen ein solches Thronbildnis verkleinert in das Schlussmedaillon (Majer 1990, S. 114). Dies ist überhaupt eines der frühesten Porträts eines osmanischen Sultans auf dem Thron außerhalb einer historischen Szene. Hintergrund und Kartuschen am oberen Rand (leer) bilden den Rahmen, wie er seit Nakkaş Osman für Sultanporträts galt. Diesmal allerdings sitzt der Herrscher auf einem goldenen Thron. Das blassblaue geometrische Muster des Hintergrunds begegnet auch schon auf der Wand seitlich vom Thron seines Großvaters beim Empfang eines safavidischen Gesandten (Topkapı Sarayı Museum. Manuskripte. Hrsg. u. erw. von J. M. Rogers. Herrsching am Ammersee 1986, Abb. 155). Der Sultan sitzt nach rechts gewandt auf dem Thron, die Füße, in gelblichem Schuhwerk, ruhen auf einer blaugrundigen Unterlage mit Goldpunkten innerhalb einer goldenen Randlinie. Die Linke umfasst ein (leicht verwischtes) rotes Taschentuch, während die geöffnete Rechte sich auf das Knie stützt. Enganliegende Ärmel eines goldgemusterten, türkisfarbenen Untergewandes ragen unter einem roten Gewand hervor, dessen seitlich weit abstehende Ärmel bis zur Armbeuge reichen. Neben Dreipunkten und undeutlichen Goldmotiven schmückt dieses Gewand als Hauptornament ein Wasservogel, Schwan, Ente oder Gans. Dieses Motiv findet sich in der osmanischen Miniaturmalerei des späten 16. Jhs. recht häufig im Umfeld des Sultans, etwa auf einem Kaftan Süleymans des Prächtigen oder dem Thron Selims II. (Topkapı, Manuskripte 1986, Tafel 153,155). Eine Untersuchung und Deutung steht noch aus. Darüber trägt der Sultan einen weißgrundigen, pelzgefütterten Kaftan, gemustert mit goldgrundigen Hatayi-Motiven, gehöht mit blau und türkis. Ein ähnliches Muster hat Mehmets III. Kaftan im Medaillon der Handschrift Topkapı H.1324. Der Sultan trägt einen Turban, wie auch im Medaillon, allerdings, wie in der Handschrift H.1609 des Topkapı Sarayı (Géza Fehér. Türkische Miniaturen aus den Chroniken der ungarischen Feldzüge. Wiesbaden o. J., Tafel XLVIII-L), mit zwei Federbüschen, gefasst in edelsteinbesetzte, goldene Agraffen, der linke hier herabhängend. Das Gesicht des Sultans, im Dreiviertelprofil, wird dominiert von einem üppigen schwarzen Vollbart und charakterisiert durch schmale, gebogene, zusammenstoßende Augenbrauen, leicht schräggestellte Augen, einen kleinen Mund unter dem engen Bogen des nach unten gerichteten Schnurrbarts. Nase und Ohren in roter Umrisszeichnung. Die Übereinstimmung mit anderen zeitgenössischen Porträts ist deutlich, Porträtähnlichkeit durchaus gegeben. Dank seiner ausgewogenen Komposition, seiner leuchtenden Farben und feinen Charakterisierung eines der schönsten Sultansporträts der osmanischen Miniaturmalerei. Das auf Blatt 16b eingeklebte zweite Einzelporträt bezieht sich mehrfach auf das Porträt Mehmets III. Bei einem respektvoll kleineren Format (15.00 x 9.50 cm) zeigt es eine recht ähnliche Komposition und Parallelen im Detail. Beide Porträts sind in einem vorbereiteten Goldrahmen unterhalb einer leeren Doppelkartusche eingepasst. Rote Eckstücke formen über dem Sultan den geometrischen Bildhintergrund zu einem oben gekappten Dreipassbogen. Ähnlich, aber weniger geometrisch, formen hier türkise Eckstücke einen Landschaftshintergrund. Auf beiden Blättern wird so die Mittelachse betont. Das Türkis der Eckstücke in 16b nimmt die Farbe der Ärmel des Sultans auf. Auf einer tiefgrünen Wiese zwischen hohen, rotblühenden Blumen steht ein Knabe vor einer ungegliederten lilafarbenen Landschaft mit einsamen Grasbüscheln auf Erdinseln. Er neigt den Kopf nach rechts und blickt aufmerksam auf die ungleichen, dramatisch aufeinander bezogenen Vögel vor sich. Die Rechte im goldfarbenen Falknerhandschuh mit türkisen Punkten in der Bordüre hält am Geschüh einen ausgewachsenen, der Größe nach weiblichen, gut durchgemauserten Althabicht (Kopf, Flügel, Rücken, Stoß grau, Kehle bis Bruck und Hosen weiß, gesperbert). Der Habicht reckt den Kopf nach vorn, balanciert mit den Schwingen und versucht, den Blick scharf und zielgerichtet, die Beute mit dem linken Fang zu greifen, die der Knabe ihm in seiner linken Hand gerade zeigt. An jedem Ständer trägt der Habicht eine Belle, die dem Jäger den Weg zu Vogel und Beute weist. An der Brust eine Jangule mit grünem Schieber, roten Bändchen und Quasten, die als Starthilfe herabgezogen und mit dem Geschüh gehalten wird, um beim Freiflug mit diesem losgelassen zu werden. Die Beute ist ein kleiner grauer Singvogel (Bienenfresser?), den der Knabe hinter den ausgebreiteten Flügeln von unten so umfasst hält, dass der Daumen am Rücken zwischen den Schwingen liegt. Er hatte ihn offenbar, wie den ganzen Arm, in seinem Kaftan verborgen gehalten und zeigt ihn jetzt aus dem pelzverbrämten, ovalen Ausschnitt seines Kaftans heraus, um Aggressivität und Appetit des Habichts anzuregen. Der kleine Vogel dient, wie einst üblich, als Vorlass, das heißt, er wird zur Schulung des Habichts gleich als fliegende Beute hochgeworfen werden, dann auch der Habicht selbst, um ihm nachzusetzen. Die Szene ist nach Thema und malerischer Präzision in der osmanischen Miniaturmalerei einmalig. Der Knabe hat ein weiches Gesicht mit zurückweichender Kinnlinie. Der Mund klein und rot, die Augen schmal. Die durchgewölbten, kräftigen Augenbrauen zusammengewachsen. Nase und Ohren in roter Umrisslinie. Auf dem Kopf ein eigenartig geschlungener weißer Turban, am herabhängenden Ende Goldstickerei. Das linke Ohr frei, vor dem Ohr und im Nacken Haarflaum. Kopfhaltung sowie Linienführung von Gesicht und Nacken ähnlich dem jungen Falkner auf einer Veli Can zugeschriebenen Zeichnung (Anthony Welch, Stuart Cary Welch. Arts of the Islamic Book. The Collection of Prince Sadruddin Aga Khan. Ithaka, London 1982, S. 30 f.). Über gerade noch sichtbaren weißen Pumphosen trägt der Knabe ein fast knöchellanges, rotes Untergewand mit anliegenden Ärmeln, Stehkragen und dichter Reihung von Goldknöpfen. Wie der linke ragt auch der rechte Arm aus dem weiten ovalen Ausschnitt des Kaftans. Dieser seitlich (oder vorn?) hoch geschlitzte Kaftan weicht in seinem merkwürdigen Schnitt von dem des Sultans deutlich ab, ist aber ebenso mit Pelz besetzt, hat lang herabhängende Ärmel, dasselbe Muster, Goldpunkte und vor allem das Hatayī-Ornament, nur hier in leicht modifizierter Farbgebung, nämlich neben etwas Türkis ein dominierendes Rostrot auf dem grob punzierten Goldgrund. Ein Knabe, für den die Sultanskomposition nur leicht abgewandelt wird, der der fürstlichen Beizjagd huldigen kann, der gewandet ist wie der Sultan, kann nur ein sultanischer Prinz sein.

Mehmet III. erscheint in der osmanischen Miniaturmalerei fast regelmäßig begleitet von einem oder auch zwei Prinzen. Insgesamt hatte er sechs Söhne, zwei, nämlich Ahmet (I.) und Mustafa (I.), überlebten ihn. Sie waren aber nicht die ältesten und als das Porträt entstand (wohl 1595-1597) deutlich jünger als der abgebildete Prinz. Ein schon regierender jugendlicher Sultan gar wäre unbedingt feierlicher, repräsentativer dargestellt worden. Dieser Falkner dürfte daher eher Prinz Mahmut sein oder der etwas jüngere Prinz Selim. Der Maler ist im Band nicht genannt. Die Nähe von Sultans- und Prinzenporträt weist auf denselben Meister. Doch ob er auch die Porträtmedaillons geschaffen hat? Die Feinheit und Präzision der Maltechnik, die Übereinstimmung der Farben und die Verwendung der "Ente" vom Unterkleid Mehmets III. auch auf dem Gewand Jesu und auf dem Kaftan Mehmets II. scheinen dafür zu sprechen. Andere Porträts Mehmets III. stammen von Nakkaş Hasan und einem Unbekannten. Ehe aber eine Zuschreibung erfolgen kann, sind noch eingehende Untersuchungen nötig. Dies gilt auch für die Herkunft: Die Qualität der Miniaturen und eine Reihe von Details, die sich in Werken des Hofateliers wiederfinden, scheinen auf eine Entstehung in Istanbul zu deuten. Andere Merkmale weisen jedoch zur Bagdader Schule. Kalligrafien waren geeignet, den Band in den Augen eines Muslims, der ja gute Kalligrafie höher schätzte als Malerei, noch wertvoller zu machen. In einem vom Rand abgerückten Goldrahmen versammeln die Blätter 16a, 17a und 17b 12 kurze, kalligrafische Stücke in persischer Sprache, von denen fünf signiert sind. Zwei Stücke stammen von Muhammad Scharif al-Harawi, die übrigen von Muhammad Zaman at-Tabrizi, Muhammad Husain und einem al-Abd Kalim al-Chadim al-Chayeri (?). Die ersten drei lassen sich mit unterschiedlicher Sicherheit als bekannte persische Kalligrafen identifizieren (Mustafa Ali. Menaqib- ị Hünerveran. Istanbul 1926, S. 51-52, 54, 64, 73). Eine der Kalligrafien (17a rechts) ist über einen Grund aus Ente, Pfau, Reh und Blütenranken in Goldmalerei gesetzt, eine zweite über feine Blattranken (17a links) in Gold; in den goldgrundigen Zwickeln türkisfarbige Blatt- und Blütenranken. Eine andere (17b links) spart ein um die Kalligrafie gelegtes, ihr in bewegter Linie folgendes weißes Feld aus und füllt den verbleibenden Rand mit blau gerahmten, türkisfarbenen Blütenranken. 17b oben rechts: schwarze Schrift auf blauem Grund mit Goldtupfen gesprenkelt, 17b Mitte: schwarze Schrift auf Goldpuderstreifen.

Erhaltungszustand:
Einband abgegriffen, eingerissen, stellenweise wurmstichig. Wasserflecken am oberen Rand. Mehrfach Farbabdruck auf den Gegenseiten. Die Blätter 5 und 6 an der Rahmenlinie gerissen. Einige Gesichter in den Medaillons leicht verwischt. Kalifenköpfe (8b) später weiß übermalt.

Alte Inventare:
"Türckische Kammer" (GLA 47/1998) Nr. 241: "1 Braun Ledernes Brieff-Buch, worin allerhand Schrifften Gemählde und Caracteurs, einem Stam-Buch gleichend". Die "Spezificatio" von 1774 (GLA 46/4459) erfasst den Band unter den an die Karlsruher Hofbibliothek abgegebenen Beständen: "Ein Einbund wie eine grose Brief Tasche worinnen verschiedene Türckische kleine Gemähld und Schriften, vermuthlich eine Stamm Tafel vorstellend".
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Literatur:
 Karlsruhe 1991, Nr. 314
 Karlsruhe 1892 und 1970, S. 35f., Nr. 23
 Karlsruhe 1895 und 1970, S. 180
 Petrasch 1952, S. 657f.
 Karlsruhe 1955, Nr. 532 und Abb. 66
 Petrasch 1957, Abb. S. 554
 Karlsruhe 1976 b, Nr. 241
 Petrasch 1977, Nr. 1
 Frankfurt 1985, S. 65 Nr. 1/25
 Majer 1990, S. 114f. und Abb. 25



Diese Seite der Handschrift zeigt die Sultane Selim II. (reg. 1566-1574), Murat III. (reg. 1574-1595) und Mehmet III. (reg. 1595-1603).
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Handschrift
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe
Inv.: BLB Hs. Rastatt 201
Stilrichtung: Osmanisch oder Persisch
Datierung: Zwischen 1595 und 1597
Maße: L 27.50 cm, B 17.50 cm
Material: Leder; Papier; Goldfarbe; Tinte

 

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