Abrechnung der großen Deşişe-Stiftung
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Großformatiges osmanisches Defter, in hellbraunem Ledereinband, eingepresste Medaillons mit floralem Schmuck auf Vorder- und Rückseite. Den osmanischen Titel trägt ein aufgeklebtes, geschweiftes, spitz zulaufendes Papierschild, das die ganze Breite des Bandes einnimmt. Am unteren Ende derselben Einbandseite ist, auf dem Kopf stehend, der deutsche Titel aufgeklebt. Er ahmt Schildform und kalligrafische Gestaltung des osmanischen Titels nach und hat das Wort “deşişe“ (“porridge“) wohl als “hemşire“ (Schwester) verlesen und entsprechend übersetzt: “Register über Die Summarische Stifftungs Rechnung der Grösseren Muhametischen Schwester von Anfang des 1082ten Jahrs bis End des 1099ten Jahrs“. Quer gebrochen und gefaltet, erscheinen der osmanische und der deutsche Titel nach außen gewandt, wie vorne und hinten. Acht Blatt, davon vier Blatt in schönem, deutlichen Neshi schwarz beschrieben, die Zahlen meist rot, darüber Goldstreusand. Das beige, geglättete Papier mit tre-Iune Wasserzeichen: drei übereinanderstehenden, sich nach oben verjüngenden, großen Halbmonden. Früher Durlach 78a.
Über dem Text das ovale Siegel des Vali von Ägypten, Kethüda Ahmed Pascha, am Ende das Siegel des Kadi von Kairo und späteren Schejchülislam Mehmet Sadık Efendi, darüber seine Unterschrift. Unter dem Siegel des Kadi die Unterschriften von Ahmet, dem Mübaşir der Stiftung, Mehmet, dem Kâtib-i rumî der Stiftung, und Şerif Abdadda'i (?), Şahid der Stiftung. Im Text wechseln listenförmige Aufstellungen aus oft schräg oder auch in Dreiecksform angeordneten Zeilen und Zahlen ab mit fortlaufenden Texten.

Durch die Eroberung des Mamlukenreiches 1517 erbten die Osmanen die fromme, wirtschaftliche, soziale und politische Aufgabe, die Heiligen Städte Mekka und Medina mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Schon die Mamluken hatten für diesen Zweck in Ägypten Fromme Stiftungen (vakf) eingerichtet. Die Osmanen, um Kontinuität bemüht, bestätigten diese Stiftungen. Mehr noch, Süleyman der Prächtige fasste sie 1540 zusammen, erweiterte sie durch Zustiftungen, und begründete so die “Deşişe-i kubra"-Stiftung. Später wurde die Stiftung erweitert. Unter dem Namen “Deşişe-i Suğra-i Muhammediye“ und “Hassekiye-i atik“ entstanden parallele Stiftungen. Damit war bereits im 16. Jh. ein umfassendes osmanisches Versorgungssystem für die Heiligen Stätten eingerichtet. Auch im 17. Jh. hielten die Sultane diese Ehrenpflicht für Mekka und Medina hoch. Klagen, die Lieferungen kämen unregelmäßig, häuften sich jedoch besonders während des Krieges 1683-1699. Seit der Amtszeit Kethüda Ibrahim Paschas als Vali von Ägypten stand die Deşişe-i kubra unter der Verwaltung der Janitscharen von Kairo, d.h. ihr Ağa war Stiftungsverwalter (mütevelli). Ständige Beschwerden veranlassten offenbar den energischen Großwesir Köprülüzade Mustafa Pascha (1689-1692), eine Untersuchung zu befehlen. Das Resultat sind die beiden Defter BLB Hs. Rastatt 211 und 212.

BLB Hs. Rastatt 211 enthält eine zusammenfassende Einnahmen- und Ausgabenrechnung für die Jahre 1082/1671-1672 bis 1099/1687-1688, also genau für den Zeitraum der Janitscharenverwaltung. In einem ersten Abschnitt werden die im gesamten Abrechnungszeitraum zur Verfügung stehenden Gelder pauschal erfasst: Sie belaufen sich auf 713 Kise und 6332 Para. Die Angaben sind größtenteils den einzelnen Jahren zugeordnet. Die wichtigsten sind: 1) Die Frachtkosten für die jährlich zu liefernden 15.100 Erdeb Weizen, wobei zwischen Transport auf Schiffen des Vakf und auf Handelsschiffen unterschieden wird. 2) Kosten vor allem für Reparaturen und die Beschaffung von Schiffen. Dazu kommt eine Rubrik, die Zuwendungen an die Eşraf von Mekka (auf Allerhöchsten Befehl!) und Baureparaturen zusammenfasst. Die Ausgaben belaufen sich insgesamt auf 655 Kise, 5841 Para. Für die Differenz von 58 Kise, 5491 Para fehlen Deftereinträge, auch sind 35.737 Erdeb Weizen offenbar nicht abgeschickt worden. Die Befragung des Ağas als Mütevelli und der Janitscharenoffiziere (erbab-ı ocak) durch die Sonderbeauftragten (mübaşir) erbrachte Aussagen, die etwas nach Ausreden klingen. Weitere Untersuchungen in Mekka und Medina wurden eingeleitet. Die Ergebnisse werden, wie es abschließend heißt, bei Eintreffen in den örtlichen Registern notiert und sofort auch Hohen Orts unterbreitet werden. Das Großformat, die sorgfältige Schrift, der Ledereinband, die kalligrafische Beschriftung unterstreichen die Bestimmung des Defters zur Vorlage im großherrlichen Divan. Ungeklärt bleibt, auf welche Weise die beiden Defter BLB Hs. Rastatt 211 und 212 nach Baden kamen. Wahrscheinlich wurden sie dem Großwesir auf den ungarischen Kriegsschauplatz nachgeschickt, er führte ja auch auf Feldzügen die Geschäfte und hatte die Kanzlei bei sich. Ziemlich genau ein Jahr nach Abfassung der Defters in Kairo verlor er bei Slankamen Schlacht und Leben. Sein Gegenüber aber war der Türkenlouis!?



Erhaltungszustand:
Gut

Literatur:
Karlsruhe 1991, Nr. 312
Karlsruhe 1892 und 1970, S. 51, Nr. 34.85-86
Karlsruhe 1895 und 1970, S. 182
Babinger 1931, S. 21 Anm. 1
Petrasch 1952, S. 592

Der großformatige osmanische Defter enthält detaillierte Abrechnungen für Transporte nach Mekka und Medina.

Daten & Fakten:
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe
Inv.: BLB Hs. Rastatt 211
Stilrichtung: Ägyptisch
Datierung: 2. Dekade Zilkade 1101/16.-25. August 1690
Maße: L 57.00 cm, B 21.00 cm
Material: Leder; Goldstreusand; Papier